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Elisabeth Orth: „Soll ich bei den Peschmerga Socken waschen?“

Elisabeth Orth(c) APA/EPA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Elisabeth Orth über politische Prägungen und die Aktualität von Karl Kraus. Über ihren Vater wie auch ihren Sohn als Jedermann in Salzburg. Und über das spitze Knie eines Lehrers der Sprechtechnik, das sie den Atem begreifen ließ.


Die Presse: Sie spielen ab heute am Burgtheater in „Die letzten Tage der Menschheit“. Ist dieser Text wieder aktuell?

Elisabeth Orth: Und wie! Wenn im Stück davon die Rede ist, dass man die Passagiere der Lusitania vorwarnte, ehe sie versenkt wurde, klickt es bei mir. Ich denke an Israel und den Gazastreifen, dann an die Ukraine. Wir befinden uns im Krieg. So fern ist 1914 gar nicht.



Sie gelten als politisch engagiert. Woher kommt diese Eigenschaft?

Nicht von Mama und Papa, das ist mein Eigenbau. Ich bin rechtzeitig, mit knapp über 20, nach Deutschland geraten. Eine zauberhafte jüdische Regieassistentin sagte mir damals, ich wüsste gar nichts. Das lässt man nicht auf sich sitzen. Für mich begann eine Wissensreise. Sozialisiert wurde ich unter Willy Brandt, das war mein Anschauungspolitiker, im München von Franz Josef Strauß.


Welche politischen Fragen stellen Sie sich?

Was kann ich persönlich tun? Und warum tue ich nichts? Wo müsste ich hingehen? Soll ich mich vor die Gewehre der weißen Polizisten in Ferguson werfen? Oder soll ich bei den Peschmerga Socken waschen? Was tut man? Auf jeden Fall sollte man den Fundamentalismus bekämpfen.


Kommen Sie manchmal nicht sogar in Versuchung, Anarchist zu werden?

Meinen Sie nicht Anarchistin? Ja, da hätte ich Zugänge. Ich wüsste zwar nicht, wohin, und meine Anarchie würde vielleicht einsam auf einer Wiese stattfinden. Aber manchmal denke ich, es wäre schon an der Zeit.



Wie sind Sie Kraus' Text begegnet?

Wohl dem, der Karl Kraus gelesen hat! Ich kannte ihn zuvor nicht ganz, aber durch Hans Weigel kam ich in seine Nähe. Ihm verdanke ich viel. Inzwischen habe ich mich in das dicke Taschenbuch und die Theaterfassung hineingestürzt. Das „Stück“ – es ist letztlich kein Stück – ist eine Aneinanderreihung von Unwahrscheinlichkeiten, bei denen man sich an den Kopf greift. Aber Kraus hat all das wirklich gehört, gelesen, zusammengesucht. Seine Sprache ist die höhere Schule. An solchen Abenden wird einem besonders klar, dass Sprechen wieder ein Hauptinstrument für diesen Beruf sein müsste. Die Sprache muss hier flirren, Kabarett-Nümmerchen sind nicht angebracht. Den nachrückenden Bataillonen auf der Bühne würde ich sagen: Es ist nicht cool, nicht sprechen zu können.


Wer hat Sie dieses Sprechen gelehrt?

Vera Balser-Eberle, Susi Nicoletti, Fred Liewehr und Zdenko Kestranek. Der stand am Anfang. Als ich zu ihm in die erste Stunde kam, dachte ich, es gehe nun mit den Monologen die große Kunst los. Dann kam aber die Arbeit. Ich musste mich flach auf den Rücken legen, er setzte sein Knie auf meinen Magen, ich sollte es wegdrücken. So begreift man eine Urform des Atmen-wissen-Lernens – durch das etwas spitze Knie eines älteren Herren. Als ich dann die erste Iphigenie in München spielte, habe ich Kestranek innere Telegramme des Dankes geschickt.


Lernen Sie Texte leicht?

Nein. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es. Mein verstorbener Mann (Hanns Obonya, Anm.) war das unbeschreibliche Beispiel für rasche Auffassung. Er brauchte sich eine Seite nur anzuschauen und hatte sie schon im Kopf, auch noch am nächsten Tag.



In Salzburg, wo Sie eben gespielt haben, stand einst Ihr Vater, Attila Hörbiger, als Jedermann auf der Bühne. Jetzt steht Ihr Sohn, Cornelius Obonya, dort. Was empfinden Sie dabei? Und was waren Ihre ersten Eindrücke von diesem Ort?

Ich freue mich für meinen Sohn sehr. Das erste Erlebnis für mich war folgendes: Mein Vater, bereits in Kostüm und Maske als Jedermann, hatte das Privileg, seine beiden Töchter, die in weiße Faltenröcke und Jäckchen gesteckt wurden, zur fürsterzbischöflichen Residenz zu führen, wo wir von oben dem „Jedermann“ zuschauen durften. Die Fensterbretter für Erzbischöfe waren viel zu hoch für uns Kinder, sehr intensiv fürs Kinn. Mein Vater verschwand. Wir sahen, wie er, nachdem er ein Kreuz geschlagen hatte, mit fünf Schritten oben war auf der Pawlatschen. Wir waren immer aufgeregt für den Vater. Auch ich habe bis heute noch Lampenfieber.

Was waren für Sie die guten und was die schlechten Zeiten beim Theater?

Gehen wir erst den negativen nach, nach denen ich, Gott sei Dank, länger suchen muss: Als es Mode wurde, innerhalb des Hauses nicht mehr zu grüßen. Ich habe Dutzende von Menschen, junge, mittlere und ältere, an mir vorbeizischen sehen wie in der U-Bahn. Das ist doch keine Art, hat man früher gesagt. Wenn ich ein Menschenhaus wie das Burgtheater betrete, dann ist es für mich normal, zumindest „Guten Tag“ zu sagen. Auch ein „Tschüss“ würde ich nehmen. Das Positive am Burgtheater hat mir schon mein Vater erklärt, wenn ich ihn dorthin begleiten durfte. Er hat immer den Hut abgenommen und gesagt: „Das ist ein heiliger Boden.“


Sind Ihnen Ihre verstorbenen Eltern noch präsent? Reden Sie mit ihnen im Geiste?

Ich rede mit meinem Mann, der ist inzwischen schon 36 Jahre tot, und erzähle ihm Neuigkeiten. In Salzburg habe ich mit meinem Vater geredet, am hellichten Tag, am Dom vorbeigehend, wissend, dass mein Sohn am Abend dort oben steht.

Wann war Ihnen klar, Schauspielerin werden zu wollen? Gab es Alternativen?

Ganz früh wollte ich Archäologin werden. Auch mein Sohn wollte Archäologe werden, wie er diesen Sommer in einem Interview sagte. Ich wusste das von ihm bis dahin nicht. Mein Vater war von meinem Wunsch gar nicht begeistert. „Du musst graben, es ist heiß, und Geld verdienst du auch keines“, sagte er. Er hat mir diesen Beruf zerpflückt.


Haben Sie sich auf der Bühne vor einem Kollegen einmal richtig gefürchtet?

Ja, vor Gert Voss als Othello. Da gab es die Situation, in der Emilia den Tod meldet. Ich dachte, jetzt geht der Gert auf mich los – was er wahrscheinlich vorhatte. Da dachte ich, jetzt ist die Nächste dran!  Ein Rasender!


Wie gehen Sie mit dem besonders Vergänglichen des Theaters um?

Ich weiß um die Vergänglichkeit jedes Abends, aber jeder Abend ist auch verschieden. Das Theater ist wahrscheinlich die letzte Livegeschichte, die es noch gibt. Seine Vergänglichkeit erfüllt mich deshalb manchmal sogar mit Stolz.

Ein Star des Wiener Burgtheaters: Elisabeth Orth

Kammerschauspielerin Elisabeth Orth ist seit 1968 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, wo bereits ihre Eltern, Attila Hörbiger und Paula Wessely, zu den großen Darstellern gehörten. Frau Orth absolvierte das Max-Reinhardt-Seminar, sie spielte zuerst am Volkstheater und dem Theater der Courage. 1965 debütierte sie an der Burg als Luise in „Kabale und Liebe“. 1995 bis 1999 war sie an der Berliner Schaubühne engagiert. Sie machte sich nicht nur durch prägendes Theater, sondern auch durch Film, TV und als Kolumnistin einen Namen.
Am Burgtheater werden ab diesem Freitag „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus gespielt, die in Salzburg bereits Premiere hatten. Orth spielt in dem Stück mehrere Rollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2014)