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Wiener Staatsoper: Ein Meyer ohne Maestro

PK WIENER PHILHARMONIKER 'NEUJAHRSKONZERT 2013': WELSER-MOeST
(c) APA/GEORG HOCHMUTH
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Franz Welser-Möst reicht es. Gestern trat er als Generalmusikdirektor zurück. Auch als Dirigent steht er der Staatsoper diese Saison nicht mehr zur Verfügung.

Mit Dominique Meyer habe ich noch nie gearbeitet, aber nur das Beste über ihn gehört“, das sagte Franz Welser-Möst im Juni 2007, kurz nachdem bekannt geworden war, dass er mit Herbst 2010 zum Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper bestellt werden würde. Nun, die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem künstlerischen Direktor verlief, das ist seit Freitagvormittag amtlich, alles andere als harmonisch. Nach vierjähriger Tätigkeit gab der Dirigent in einem Brief an Meyer seinen Rücktritt bekannt. Auffassungsunterschiede in künstlerischen Belangen, die nicht von heute auf morgen entstanden seien, nennt der Oberösterreicher als Grund für seine „langsam gereifte“ Entscheidung. Über Details des Konflikts wollte er jedoch nicht sprechen. Es gehe um Sänger und Dirigenten, deutete er an. „Dominique Meyer ist als Direktor die Nummer eins. Er ist ein sehr netter Mensch und hat in künstlerischen Dingen andere Meinungen. Das steht ihm auch zu. Aber dann muss ich die Konsequenzen ziehen“, sagte Welser-Möst.

 

„Kommunikationskonflikt nicht lösbar“

Vertraglich steht dem Dirigenten ein Mitwirkungsrecht in künstlerischen Belangen zu. De facto dürfte Welser-Möst jedoch in wichtige Entscheidungen nicht eingebunden worden sein. Die Beziehung zwischen Meyer und dem Dirigenten war jedenfalls, wie allseits gut bekannt, schon seit Langem belastet. Deshalb soll auch der frühere Geschäftsführer der Bundestheater-Holding, Georg Springer, immer wieder zu vermittelnden Gesprächen gebeten haben. Auch Kulturminister Josef Ostermayer wusste schon eine Weile von den Dissonanzen. Und natürlich hat Günter Rhomberg am 1. September seine Funktion in dem Bewusstsein übernommen, dass er sich neben der bestehenden Baustelle Burgtheater umgehend auch der Zores der Staatsoper anzunehmen hat: „Schon im Sommer vor Beginn meines offiziellen Amtsantritts war ich in Kenntnis der Notwendigkeit einer Lösungsfindung“, sagt er in einer offiziellen Stellungnahme. „So bedaure ich umso mehr, dass es nun zu einer definitiven Entscheidung von Herrn Welser-Möst gekommen ist, seine Funktion als Generalmusikdirektor zurückzulegen, und insbesondere, dass diese mit einer Reduktion der Dirigate verbunden ist.“

Noch am Donnerstagabend hatte es einen letzten Versuch gegeben, diesen „Kommunikationskonflikt“, wie Rhomberg das Zerwürfnis bezeichnet, zwischen Meyer und Welser-Möst zu lösen. Das Gespräch, das in Anwesenheit des neuen Holding-Chefs stattgefunden hat, brachte jedoch nicht den erhofften Schulterschluss.

„Völlig überrascht“ zeigen sich die Wiener Philharmoniker in einer Aussendung und erklären Meyer ihre volle Unterstützung. Welser-Mösts Entscheidung zu Saisonbeginn erfolge „zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt“. Auch das Publikum wird Welser-Mösts Abgang treffen. 34-mal hätte der renommierte Dirigent das Staatsopernorchester in dieser Saison leiten sollen. Die Neuinszenierungen von Verdis „Rigoletto“ und Richard Strauss' „Elektra“ galten als Höhepunkt in der Wiener Musikwelt. Doch auch für die Ballettpremiere „Verklungene Feste/Josephs Legende“, „La Traviata“ und „Das schlaue Füchslein“ muss Meyer sich rasch etwas einfallen lassen. „Meine erste Aufgabe ist es nun, so rasch wie möglich adäquaten Ersatz für die Aufführungen zu finden“, ließ dieser über seinen Pressesprecher ausrichten; der Rücktritt von Welser-Möst sei ein großer Verlust und ihm persönlich tue dieser Schritt sehr leid. „Ich schätze Franz Welser-Möst als Künstler sehr.“

Denkbar wäre auch gewesen, dass der Genannte zwar seine Funktion als Generalmusikdirektor quittiert, jedoch weiterhin der Wiener Staatsoper als Dirigent erhalten bleibt. Welser-Möst will das aber nicht: „Ich muss Abstand gewinnen. Das kann ich nicht, wenn ich im Haus bin. Glauben Sie mir: Gerade nach diesem besonders glücklichen ,Rosenkavalier‘ in Salzburg fällt es mir nicht leicht, auf die weitere Zusammenarbeit mit diesem Orchester zu verzichten. Das ist für mich eine sehr schmerzliche Entscheidung.“

 

Holender versteht Welser-Möst

Dass Welser-Möst ausgerechnet zur Saisoneröffnung alles hingeschmissen hat, zeigt, wie unerträglich ihm die Situation war. „Ich verstehe, dass ein Künstler geht, wenn er seine Vorstellungen nicht verwirklichen kann und nicht in eine echte Partnerschaft einbezogen wird“, sagte der ehemalige Staatsoperndirektor Ioan Holender zur „Presse“. Bei ihm wäre so etwas sicher nicht passiert. „Seijii Ozawa hat mich immer ,Partner‘ genannt. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ein Partner bei mir weggegangen wäre, nicht mittendrin im Geschlechtsakt sozusagen – vielleicht vorher, aber nicht mittendrin.“ Welser-Möst, so Holender, „,muss schwerwiegende Gründe haben, wenn er eine Entscheidung mit derartigen Folgen für beide Seiten trifft“.

Wie der Abgang rechtlich geregelt wird, ob die Auflösung des Vertrages (er läuft bis 2018) einvernehmlich erfolgt oder durch einen vorzeitigen Austritt von Welser-Möst, das konnte die Staatsoper der „Presse“ bis Redaktionsschluss nicht sagen. Die Sache werde gerade geprüft, hieß es seitens der Staatsoper.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2014)