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Lebenselixier Berührung

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Wer etwas Warmes in Händen hält, ist freundlicher. Über die Zauberkraft der Berührung.

Sollte demnächst ein kritisches Gespräch mit einem Vorgesetzten geplant sein, wäre es nicht schlecht, wenn der Boss bequem, auf etwas Weichem sitzt und nicht einen harten Stuhl berührt. „Menschen sind milder in ihren Urteilen und freundlicher zum Gegenüber, wenn sie weich und gemütlich sitzen“, sagt Arzt und Buchautor Werner Bartens im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Und wenn der Chef noch zusätzlich etwas Warmes in den Händen hält, etwa eine Tasse dampfenden Tees, dann kann das Gespräch fast nur gut ausgehen. „Wer etwas Warmes anfasst, wird sein Gegenüber als freundlicher und offener wahrnehmen. Er fühlt sich dem anderen auch näher und enger verbunden als jemand, der ein kaltes Bierglas hält. Das haben etliche Untersuchungen gezeigt“, sagt Bartens und detailliert derlei Forschungen in seinem jetzt erschienenen Buch „Wie Berührung hilft “.

Berührung sei weit mehr als eine beziehungsfördernde, stimulierende, wohltuende und sexuelle Wichtigkeit in Partnerschaften. „Körperkontakt ist ein menschliches Bedürfnis, ohne Berührung können wir nicht leben.“ Ein kleiner Auszug aus dem wissenschaftlich erwiesenen Wirkspektrum des „Breitband-Medikaments“ Berührung: es senkt Blutdruck und Stresshormone, stärkt Abwehrzellen, aktiviert Selbstheilungskräfte, beschleunigt den Heilungsverlauf nach Verletzungen und die Genesung nach Krankheiten. „Jeder Mensch, der medizinisch tätig ist, kennt die heilsame Wucht, die eine innige Umarmung, die stärkende Hand auf der Schulter oder das Halten der Hand haben kann“, schreibt Bartens.

Und das beginnt beim Fötus: Der reagiert schon im Mutterleib auf Berührung, der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich entwickelt. Frühgeborene profitieren enorm von Streicheleinheiten: Sie entwickeln sich besser, haben weniger Hirnschäden, ihre Lungen und Herzen kräftigen sich rascher, wenn sie viel menschliche Wärme und Zuwendung bekommen und nicht nur von Maschinen berührt werden. Die US-Kinderpsychiaterin, die das herausgefunden hat, meint: „Liebevolle Pflege ist der Weg zur Heilung, nicht die Maschine.“

Kinder verkümmern. Kinder, die häufig liebkost werden, sind aktiver, haben einen besseren Koordinationssinn, sind weniger anfällig gegen Infektionen, auch ihr Immunsystem profitiert von Streicheleinheiten. „Berührungsimpulse tragen essenziell zum Aufbau des Immunsystems bei“, schreibt Bartens. Kinder, die nicht angefasst werden, wachsen nicht richtig, sie verkümmern.

Aber auch Erwachsene mit großem Berührungs-Manko verdorren, verwelken sinngemäß. Dabei geht es aber nicht nur um das körperliche Anfassen, sondern auch um das Berührt-Werden im Sinne von Angenommen-Werden. Bartens: „Physische und psychische Berührungslosigkeit bedeutet inneres Absterben, seelisch und körperlich. Und es geht mit dem elenden Gefühl einher, von allem und von allen ausgeschlossen zu sein.“ Nicht-Berührt-Werden im Sinne von Ausgegrenzt-Werden zieht eine Reihe von Negativa nach sich, wie etliche Studien beweisen. Eine davon zeigte, dass Ausgrenzungserfahrungen die Schmerzschwelle sinken und diverse Entzündungswerte ansteigen lassen. Der große Wunsch nach Berührung spiegelt sich in etlichen Umfragen, denen zufolge mehr als die Hälfte der Bevölkerung öfter in den Arm genommen werden will. Auch der gegenwärtige Wellness-Boom wird von manchen mit der Sehnsucht nach Berührung – bei Massagen, beim Reiki, bei Körperpeelings – erklärt. Die stete Suche nach Streicheleinheiten zeigt sich schließlich auch in der Existenz von Kuschel-Partys: Das erste organisierte Zusammentreffen von (fremden) Leuten, die sich berühren, umarmen, die sich nahe sind, ohne jedwede sexuelle Ausrichtung, fand 2004 in New York statt und hat sich von da aus verbreitet.

Auf zur Kuschelparty. „In unserer Gesellschaft herrscht eine Tendenz zum Virtuellen, das haptische, direkte Erleben bleibt auf der Strecke, und es gibt ein großes Berührungsdefizit“, weiß Andrea Kiss, Kuscheltrainerin in Wien. Menschen, die zu ihren Partys kommen, sind zwischen 20 und 85, sind Verkäuferinnen und Managerinnen, Arbeiter und Angestellte. Kiss: „Kuschelpartys fördern auch die Selbstachtung. Man erfährt hier, dass man keineswegs dem Schönheitsideal entsprechen muss, um angenommen zu werden, um liebevolle Zuwendung zu erfahren.“ Liebevolle Zuwendung hätten gerade sie bitter nötig: Menschen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, die in Pflegeheimen vegetieren, Pflegefälle ohne Streicheleinheiten. In der Ausbildung des Pflegepersonals wird heute wohl vermittelt, wie ungeheuer wichtig Berührungen für Lebensqualität und Lebenswillen sind. „Aber das Wissen darum bedeutet nicht automatisch, dass es in die Realität umgesetzt wird“, weiß die Psychologin Daniela Renn. „Zudem gibt es noch immer Pflegepersonal, das nie eine Schule gesehen hat.“

Auch für Patienten im (Wach-)Koma oder Tiefschlaf ist Berührung erwiesenermaßen heilsam. Und Menschen am Ende ihres Lebens kann eine innige Umarmung, ein zärtliches Streicheln diesen letzten, diesen endgültigen Weg ein wenig leichter machen. Berührung bedeutet schließlich auch Geborgenheit. Berührung berührt in jedem Fall. Bartens: „Inspiriert zu diesem Buch haben mich auch die Berichte meiner Physiotherapeutin. Sie erzählte, dass viele Leute anfangen zu weinen und ihre Herzen öffnen, wenn sie von ihr berührt werden. Das macht viel mit ihnen.“

Krank ohne Nähe. „Viele wissen gar nicht, dass ihnen Berührung abgeht. Dieser Mangel aber macht uns unruhig, wir verlieren die Nähe zu Menschen, aber auch zu uns selbst. Das kann auf Dauer körperlich krank machen“, sagt der Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Berger. „Wir wachsen in einer berührungsfeindlichen Kultur auf, vor allem Menschen der westlichen Industrieländer.“ In unserer materiellen und erfolgsorientierten Welt ist der Platz für zwischenmenschliche Nähe extrem geschrumpft. Wir sehnen uns nach Berührungen und halten es gleichzeitig schlecht aus, wenn Fremde uns zu nahe kommen. Von Fremden wollen wir keine Berührung. Und dann gehen wir zu Kuschelpartys und zum Friseur und Masseur und zahlen dafür, dass uns Fremde berühren, dass uns endlich wieder jemand streichelt. Weil der Mensch zugrunde geht, wenn ihm das Lebenselixier Berührung auf Dauer entzogen wird.

WAS BERÜHRUNG BEWIRKT

Berg & Blutdruck: Freunden, die sich bei einer Bergwanderung an der Hand halten, erscheint der Aufstieg weniger steil. Wenn sich Paare liebevoll berühren, sinkt der Blutdruck.

Abwehr & Neurodermitis: Streicheleinheiten erhöhen Eiweißstoffe im Blut, die das Immunsystem stärken. Bei Kindern mit Neurodermitis nimmt der Juckreiz deutlich ab, wenn sie öfter in den Arm genommen werden.

BUCH-TIPP

Wie Berührung hilft Warum Frauen Wärmflaschen lieben und Männer mehr Tee trinken sollten
Werner Bartens
Knaur Verlag, 253 Seiten, 13,40 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2014)