Pilgern: Santiagos Weg durch Österreich

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Jeder kennt den spanischen Jakobsweg, viele wollen ihn »irgendwann einmal« gehen. Doch dazu muss man nicht nach Spanien. Der Jakobsweg geht auch durch Österreich. Oft nahe der eigenen Haustür.

Der Ausgangspunkt ist schnell gefunden, nur der dazugehörige Weg leider nicht. Etwas unschlüssig sehe ich die Jakobus-Statue neben der Kirche in Purkersdorf in Niederösterreich an. Der Heilige kann grad auch nicht helfen.

Auch nicht mein Begleiter, der wenig später zu mir stößt. Die Idee war, einmal raus aus der Stadt zu kommen. Wenn auch nur für einen Tag. 21 Minuten dauert die Fahrt von Wien hierher. Wir verlassen den Jakobus-Platz und gehen in Richtung Bahnhof. Und finden nichts. Weder das Muschelzeichen noch die grün-weiße-Markierung, die den Weg in diesem Abschnitt anzeigen sollen.

Aber Hilfe kommt auf dem Jakobsweg immer dann, wenn man sie braucht, wird man mir später erzählen. In diesem Fall von einem Passanten, der statt nach Süden nach Westen weist: „Dort ist der Troppberg“, sagt er. Wenig später finden wir Weg und Schilder. Endlich sind wir richtig.

Fast jeder Österreicher kennt den spanischen Jakobsweg und viele wollen ihn „irgendwann einmal“ gehen. Das ist auch einer gut geschmierten Marketingstrategie geschuldet. Die spanische Regierung hat Millionen in die Vermarktung des Pilgerweges nach Santiago de Compostela investiert. Autoren wie der Deutsche Hape Kerkeling mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ oder Paulo Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ haben die Gier nach dem Pilgerweg (und alle spirituellen, wegweisenden, aber auch frustrierenden Erfahrungen) noch befeuert. Auch für junge Menschen. So sollen 30 Prozent der Pilger, die jedes Jahr in Santiago ankommen, nicht älter als 30 sein. 60 Prozent sind 30 bis 60 Jahre alt.
Doch dafür müssten sie eigentlich nicht nach Spanien fahren. Der Jakobsweg führt auch durch Österreich. Von ganz Europa kommend führt der Weg sonnenstrahlartig nach Santiago.

Von Bratislava nach Feldkirch. Hierzulande verläuft die Hauptroute quer durch Österreich in der Nähe der Westbahnstrecke. Von Wolfsthal bei Bratislava bis nach Vorarlberg. Weiters gibt es zwei Nebenzweige: den Weinviertler Jakobsweg (von Poysdorf kommend mündet er beim Stift Göttweig in die Hauptroute) und die Südroute, die über Graz nach Innsbruck führt.

3500 bis 4000 Pilger gehen auf diesen Routen jedes Jahr. Auch in Purkersdorf werden wir an diesem Tag Pilger treffen. Es ist früher Vormittag und auf dem Markt haben sich eben Wanderer mit Obst eingedeckt. Purkersdorf ist ein strategischer Platz, weil von hier aus die Route nach Wien (durch die Bundeshauptstadt gibt es keinen offiziellen Weg) weitergeht. 75 Kilometer geht es von hier bis zum Stift Göttweig, weiter nach Maria Taferl, nach Linz, in die Salzburger Berge, über Wörgl in Tirol zum Arlberg, wo man schon einmal in Bergnot geraten kann, wenn man nicht aufpasst. Insgesamt ist der Weg circa 800 Kilometer lang.

Pilgern in der Gruppe. Mein Begleiter ist Johann Andert, Pilgerführer in Österreich und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Jakobsweg Purkersdorf-Göttweig. Er ist es, der mit seinen Kollegen den Abschnitt von Purkersdorf zum Stift Göttweig instand hält, immer wieder schaut, ob die Markierungen noch zu sehen, die Wege intakt sind.

Wiederentdeckt hat die Routen der Autor Peter Lindenthal, der darüber ein Buch geschrieben hat. Mittlerweile kümmern sich der Verein Jakobswege Österreich und lokale Initiativen vor Ort um die Wege. Sie verlegen auch immer wieder Stücke, wenn es etwa Probleme mit den Grundbesitzern gibt.

Uns führt der Weg gleich ein Stück hinein in den Laubwald. Die Sonne scheint durch die Blätter, der Boden glitzert noch von den Regenfällen, er ist lehmig, aber gut zu gehen. Wir steigen über Weinbergschnecken und kommen an Brombeersträuchern vorbei. Der Lärm von Purkersdorf ist da schon längst nicht mehr zu hören.

Seit mehr als zehn Jahren pilgert Andert in seiner Freizeit so durch Österreich, immer wieder führt er auch Gruppen. Denn die Anzahl der Pilger nimmt jährlich zu. Was auch damit zu tun hat, dass mehr Geld und Energie in die Wegführung gesteckt wird.

Seit neun Jahren existiert das Jakobswege-Österreich-Netzwerk, seit dieser Zeit werden die österreichischen Jakobswege für Touristen, Pilger und Wanderer erschlossen. Es gibt gute Karten, ein Netz an Unterkünften und sogar an einer App, die genau anzeigt, wo der Weg verläuft, wird gearbeitet.

Übernachtet wird in Österreich in Privatzimmern, Pensionen bis zu Fünfsternehotels, weil es kaum Pilgerherbergen gibt. „Wir wollen auch, dass das touristische Angebot genutzt wird“, sagt Anton Wintersteller. Er war es, der die Plattform Jakobswege Österreich gegründet hat – und Kirche, Gemeinden und Tourismus für Projekte (und Förderungen) ins Boot geholt hat.

Nun gibt es Pensionen, die den Zusatz „am Jakobsweg“ tragen und Pilgerangebote auf dem Weg. Zu Anderts Lieblingsorten gehört etwa der Jakobsbrunnen und die Selbstversorgerhütte in Siegersdorf (zirka 25 Kilometer von Purkersdorf entfernt). Beides wurde erst 2011 eröffnet. Nun soll dort auch ein Kneippbad gebaut werden. Der Jakobsweg ist ein kleiner Wirtschaftszweig geworden – der manche zu immer kreativerem Marketing hinreißt: Mittlerweile gibt es Genusstouren auf dem Weinviertler Jakobsweg, wo regionale Produzenten Gruppen begleiten, um von ihren Produkten zu erzählen.

Es ist eine neue Art von Pilgern, die durch Österreich wandert: Pilgerte man früher noch, um Buße zu tun, ist der religiöse Gedanke mittlerweile für viele in den Hintergrund getreten. Andert weiß von Menschen, die sich nach einer Scheidung auf den Weg machen, er kennt aber auch die Leistungssportler, die mit dem Kilometerzähler gehen. Andere wollen einfach Kraft in der Natur tanken.
Bei jeder Kirche stehen bleiben? Das interessiert nicht jeden. Macht nichts, findet Wintersteller. Jeder soll so gehen, wie es ihm passt. „Jeder Schritt und Tag hat seinen Wert“, sagt er. Egal, ob für Juden, Muslime oder andere Glaubensangehörige. Nachsatz: „Der Weg gibt einem, was man braucht. Die Motive sind verschieden, die Erfahrungen sind die gleichen.“ Man treffe Menschen, die weiterhelfen, erlebt Gastfreundschaft und kleine Abenteuer.

Auch Andert erzählt Anekdoten, während er seinen Wanderstock ein ums andere Mal am Boden aufsetzt. Wie er am Arlberg fast in Bergnot kam, weil er in den Schnee geraten ist. Wie anstrengend es sein kann, in der Hitze 30 Kilometer zu gehen. Und wie klar der Kopf wird, wenn man erst einmal drei Tage überstanden hat. So viel Zeit braucht es, um sich einzugehen, um „den Alltag hinter sich zu lassen“.

Pilgern mit dem Rad
. Wenn man sich so viel Zeit nimmt. Denn auch die Art zu gehen hat sich geändert. War früher Pilgern etwas, was man allein und für mehrere Wochen gemacht hat, nimmt die Zahl jener, die in der Gruppe gehen oder nur Tages- oder Wochenendetappen absolvieren, ständig zu. „Der Vorteil ist, dass der Weg an der Westbahnstrecke liegt“, sagt Wintersteller. „Die Pilger machen einen Abschnitt, fahren mit der Bahn zurück und gehen am nächsten Wochenende weiter.“ Ein Ehepaar aus Horn schiebt das Rad den Waldweg hinauf. Pilgern mit dem Rad. Auch das ist mittlerweile möglich.

Wir sind da schon wieder auf dem Weg zurück. Zurück zur Statue des heiligen Jakobus. Wir waren pilgern, wenn auch nur für  einen Tag.

Dazu passt

Weiterpilgern: Weinviertler Jakobsweg oder doch Haupt- oder Südroute? Informationen dazu gibt es auf: www.jakobswege-a.eu

Pilgern in Österreich. Auf www.pilgerwege.at gibt es eine Übersicht über Pilgerwege. Von den Mariazellerwegen über die Hemmapilgerwege.