Schottischer Tanz am 200. Jahrestag des Wiener Kongresses

1814 begannen Europas Mächte, den Kontinent neu aufzuteilen. Großbritannien setzte sich damals für die Unabhängigkeit diverser Länder ein.

Im Juni haben echte Schotten den 700. Jahrestag der Schlacht von Bannockburn gefeiert. Ihr Held in diesem frühen Unabhängigkeitskrieg war Robert Bruce, der Eduard II. und dessen englischem Heer eine Niederlage zufügte. Am 18. September werden die Schotten darüber entschieden, ob ihr Land, das seit 1707 mit England und Wales zu Großbritannien vereint ist, wieder unabhängig wird. Auch dieses Datum scheint ominös. Die Abstimmung erfolgt exakt 200 Jahre nach Beginn des Wiener Kongresses.

Frankreich unter Napoleon war 1814 bereits besiegt, obwohl dem auf der Insel Elba entsorgten Kaiser die finale Schlacht von Waterloo 1815 noch bevorstand. Die Großmächte Europas waren längst damit beschäftigt, auf diplomatischem Weg wieder zur Balance zu kommen. Der Weltgeist aus Korsika hatte die Ordnung im noch jungen 19. Jahrhundert so gründlich wie brutal durcheinandergebracht.

Im Spätsommer 1814 begannen diverse Allianzen damit, den Kontinent neu aufzuteilen. Was war damals die Position der Briten? Ihr Premierminister setzte sich besonders für Völker in Europa ein, die zuvor unter der Herrschaft eines fremden Imperiums gelitten hatten: Robert Banks Jenkinson, Zweiter Graf von Liverpool, der 1812 bis 1827 in London die Regierungsgeschäfte recht erfolgreich und pragmatisch leitete, lag vor allem am Herzen, dass die Niederlande, Spanien und Portugal unabhängig würden, dass man zugleich aber die Vorkriegsgrenzen Frankreichs bewahrte. Eine Verletzung nationaler Integrität wollte der liberale Tory nicht. Er opferte dafür sogar koloniale Gebietsgewinne eines vollen Jahrzehntes.

Man muss nicht anglophil sein, um zu sehen, dass die Briten die größten Nutznießer des Kongresses wurden. Liverpool war ein diskreter Politiker, dessen stärkste innenpolitische Leistung übrigens darin bestand, die Spaltung seiner Partei zu verhindern.

200 Jahre später hat Premier David Cameron wohl kaum Gelegenheit, auf dem Kontinent souverän zu tanzen. Während im Osten Europas die Landkarten ganz grob neu gezeichnet werden, interessiert ihn wohl eher, ob demnächst zwei alte Nachbarn zwischen Tweed und Solway Firth wieder eine stärkere Trennlinie ziehen könnten. Solch eine Lust zur Spaltung würde wahrscheinlich bald auch die Tories treffen. Dabei lehrte doch das Studium des Umbruchs von 1814/15, wie man elegant ins Gleichgewicht kommt.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2014)

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