Zum jüngsten Solo-Recital von Rudolf Buchbinder – atemberaubend virtuos.
Vielleicht sorgt das heutzutage schon für eine kleine Irritation: Wenn Rudolf Buchbinder Schubert spielt, das Andante aus der B-Dur-Sonate zumal, dann klingt das beinahe gegen den Strich gebürstet. Gegen den Brauch, zweite Sätze besonders langsam zu musizieren. Kann aber sein, Schubert selbst hat einstens weit rascher gespielt als heute üblich. Immerhin hat er nicht Adagio, sondern Andante sostenuto vorgeschrieben, ein Tempo, das uns irgendwie doch vorwärtsbringen sollte.
So hat Rudolf Buchbinder also recht, wenn er entsprechend zügig spielt – und damit eine wienerische Aufführungstradition weiterführt, derer unsere standardisierungswütige Zeit längst verlustig zu gehen droht. Das Wienerische in der Musik hat tatsächlich nie etwas mit Larmoyanz zu tun gehabt, mögen die Todesbeschwörungen vieler Wienerlied-Texte das suggerieren wie die von transzendenten Ahnungen erfüllte Musik des späten Schubert.
Dergleichen nimmt man hierorts als Selbstverständlichkeit, lässt es, weil sozusagen amtlich zuständig, mitschwingen, macht jedoch kein Aufhebens davon. Aus jenem Geist scheint mir auch das Finale unserer Sonate geboren, das sich kaum entscheiden kann, ob es nicht lieber doch in c-Moll statt in B-Dur stehen möchte.
Etüden über die Poesie
Aus diesem Geist setzt Rudolf Buchbinder komponierte Irrationalismen – also auch den teuflischen Triller im Stirnsatz, die rhythmischen Unebenheiten im Scherzo – ohne theatralischen Nachdruck ins große Sonaten-Ganze, um das es dem Komponisten ja letztlich ging. Wie es ihm um die Melodie, den großen Gesang zu tun war, der sich in besagtem Andante erst einstellt, wenn die Zeit nicht ganz stehen bleibt, die einzelnen Takte nicht in Schönheit dahinschwinden, sondern sich zum melodischen Bogen binden lassen. Buchbinder bindet sie – wie er auch Schumanns nachgelassene Variationen in die „Symphonischen Etüden“ hereinholt, um inmitten atemberaubend virtuos bewältigter Technik- und Charakterstudien plötzlich eine Oase aus Poesie und Stimmungszauber zu schaffen, die der Präsentation seiner manuellen Fertigkeiten umso größere, weil differenziertere Wirkung verleiht: Sie ermöglicht dem Pianisten selbst dort, wo die Mehrheit seiner Kollegenschaft nur noch nach Luft ringt, das Stimmengewebe transparent zu halten.
Und wenn der Komponist – er schrieb ja ausdrücklich Etüden – die Fingerfertigkeit auf allerhöchste Proben stellt, scheint es für Buchbinder immer erst amüsant zu werden. Solch sportive Lust an Prägnanz und Präzision gilt wiederum als ganz unwienerisch – ein Missverständnis vielleicht auch das, was wir bei solcher Gelegenheit gern zur Kenntnis nehmen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2008)