Ärzte, die nur ihre Vorurteile gegen eine Technik bestätigen wollen, sollten vorsichtig sein.
Dialog zweier Mobiltelefonisten: „Wart, ich komm' dir entgegen, wo stehst du?“ „Gleich beim Spar, ich hab' eine grüne Jacke an.“ „Siehst du mich? Ich winke dir.“ „Nein, kommst du von links?“ „Bist du... – ja, da, ich seh' dich schon...“
Die beiden Freunde sprechen die letzten Sätze noch in ihre Telefone, während sie einander schon zurufen könnten. Dieser Moment, wo sie noch über ihre elektromagnetischen Krücken kommunizieren, aber einander bereits von Angesicht zu Angesicht sehen, zählt zu den poetischsten Augenblicken des modernen Alltagslebens, das Theater sollte ihn längst entdeckt haben: Die Mobilfunkindustrie hat ihn ermöglicht.
Ihr kann man ja sonst einiges vorwerfen, wenn man will:
1)Die lächerliche bis lästige Werbung, die u.a. den schönen Namen Max verunglimpft hat.
2)Das dauernde Basteln an den Tarifsystemen, das mathematisch begabte Menschen dazu bewegt auszurechnen, wie sie am günstigsten fernsprechen können, statt z.B. den Satz von Fermat endlich so zu beweisen, dass auch ich es verstehe.
3)Die Tendenz, Mitarbeiter nicht ordentlich anzustellen.
4)Weitere Bestrebungen, möglichst bei den Löhnen zu sparen. Seit die Firma Nokia trotz hoher Gewinne ihren Produktionsstandort aus Bochum nach Ungarn und Rumänien verlegt hat, hat ihr Name in meinen Ohren seinen guten finnischen Klang verloren und klingt wie ein ganz besonders lästiger Klingelton. Mücke!!!
Was man der Mobilfunkindustrie gewiss nicht vorwerfen kann: dass sie Juristen bezahlt, um für sie z.B. Gutachten zu erstellen oder Rechtslagen zu prüfen. Jede größere Firma tut das, und es wäre ungerecht, diese Juristen zu bezichtigen, sie seien – womöglich über die bezahlten Gutachten hinaus – der Firma hörig.
Hugo Rüdiger, emeritierter Professor an der Wiener Medizinischen Universität, hat das getan. Er hat eine Publikation über angebliche Schäden durch „Handy-Strahlung“ (also GSM-Signale von 1800 MHz respektive UMTS-Signale von 1950 MHz), die er laut eigener Aussage bereits wegen grober Mängel zurückziehen wollte, doch nicht zurückgezogen. Seine Begründung: Er habe erfahren, dass der Leiter der Kommission, die die Publikation prüfen soll, „ein Jurist der Mobilfunk-Industrie“ sei.
Das ist ein peinlicher Versuch, den Spieß umzudrehen. Man wirft Rüdiger bzw. seinen Mitarbeitern vor, Daten manipuliert oder gar gefälscht zu haben, um die vorgefasste Meinung zu bestätigen, dass „Handy-Strahlung“ schädlich sei – er antwortet mit einer Unterstellung.
Dabei sollte es auch einen Mediziner mit unterdurchschnittlich ausgeprägter Sympathie für die Naturwissenschaft nicht überraschen, dass die inkriminierten Studien in der Fachwelt schnell auf Befremden gestoßen sind. Dass Strahlung im Gigahertz-Bereich – also mit Wellenlängen im Bereich von einem Dezimeter! – Brüche chemischer Bindungen und damit, wie behauptet, DNA-Schäden auslösen soll, widerspricht allem, was wir über Wechselwirkung von Strahlung mit Materie wissen.
Also mobiltelefoniert nur weiter. Schreit halt nicht zu laut dabei. Ruft mich nicht an. Und dreht die Geräte ab, wenn ihr einander schon leibhaftig erblicken könnt.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2008)