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Russischer Gaslieferstopp als unsinnige Beamtenidee

RUSSIA GAS
(c) EPA (MAXIM SHIPENKOV)
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Laut „FT“ will Moskau der EU das Gas abdrehen, um einen Reexport in die Ukraine zu verhindern. Mit der Realität hat das wenig zu tun.

Wien. In der Diskussion um mögliche Engpässe bei russischen Gaslieferungen nach Europa ist die Stimmung derart aufgeheizt, dass die kursierenden Theorien immer widersinniger werden. So drohe Russland, die Lieferungen so weit zu kürzen, dass die Europäer nicht genug Gas hätten, um es dann in die Ukraine zu reexportieren, schrieb die „Financial Times“ („FT“) gestern unter Berufung auf hochrangige EU-Beamte und Diplomaten. Moskau wolle eigentlich die Ukraine treffen, die seit Juni wegen hoher Schulden nicht mehr mit Gas aus Russland versorgt wird, werde Europa aber in Mitleidenschaft ziehen.

Gazprom selbst dementiert die Absicht. „Ich höre davon zum ersten Mal“, sagt Konzernsprecher Sergej Kuprjanov zur „FT“. Medial wurde die Drohung dennoch verbreitet.

 

Europa schwimmt im Gas

Wenn es sich um eine Drohung handle, dann sei sie leer, meint Walter Boltz, Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control, zur „Presse“: In Europa seien die Speicher prall gefüllt, der Verbrauch derzeit minimal. „Um einen Engpass zu erzeugen, müsste Russland einen Großteil der Lieferungen über Monate einstellen, was einem Vertragsbruch gleichkäme“, so Boltz. Einmal abgesehen davon, dass der Gaskonzern Gazprom 60 Prozent seiner Erlöse im Handel mit Europa generiert und darauf angewiesen ist.

Am Thema Reexport stößt Russland sich freilich sehr. Dabei ist die Sache in Wirklichkeit klar. So bekommt die Ukraine drei Mrd. Kubikmeter russischen Gases über Polen, zwei bis drei Mrd. Kubikmeter fließen über Ungarn zurück. Und Anfang September hat die Slowakei den sogenannten Reverse-Flow mit letztlich zehn Mrd. Kubikmetern gestartet. Damit hat die Ukraine mehr als die Hälfte ihres Importbedarfs gedeckt, zumal der Verbrauch wegen der kriegsbedingt stockenden Industrie heuer sinken dürfte.

 

Legaler und illegaler Reverse-Flow

Mit dem genannten Volumen an Reexport muss Russland sich ohnehin abfinden, weil er rechtlich einwandfrei ist und über Pipelinerouten erfolgt, die nicht im Einflussbereich Gazproms stehen. Anders wäre dies, würde Gas über die große Transitleitung, die über die Ukraine in die Slowakei führt, zurückgepumpt werden. Solche Vorhaben der EU hat Russland von Anfang an zurückgewiesen. Zum einen hat Russland selbst die Hauptleitung zu 100 Prozent gebucht. Zum anderen hat Gazprom seit 2009 die Hand auf den letzten 150 Kilometern der Pipeline und wickelt den Betrieb des Exports aus der Westukraine in die Slowakei selbst ab. (est)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2014)