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SPÖ: Studie als Argument für Ganztags- und Gesamtschule

Ministerin Heinisch-Hosek
Ministerin Heinisch-Hosek(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ M. Oberlaender)
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Ministerin Heinisch-Hosek sieht sich durch die OECD-Studie, „Bildung auf einen Blick“, bestätigt und macht Druck auf ÖVP.

Wien. Angenehme Medienauftritte hatte Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) seit ihrem Wechsel ins Bildungsressort kaum. Denn meist war sie bei ihren Pressekonferenzen um Schadensbegrenzung – Stichwort: Probleme bei der Zentralmatura und Datenleck – bemüht. Gestern, Dienstag, war das anders.

In kleinem Kreise präsentierte die Bildungsministerin die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“. Im Gepäck hatte sie dabei vorwiegend erfreuliche Nachrichten: Die Österreicher sind gut ausgebildet, das berufsbildende Schulwesen ist vorbildhaft und die (Jugend-)Arbeitslosigkeit infolgedessen vergleichsweise gering. Einzig negative Nachricht: Der Bildungsaufstieg ist hierzulande schwierig.

(c) DiePresse



Bildungsaufstieg: In Österreich erreicht nur ein sehr geringer Anteil der Bevölkerung einen höheren Bildungsabschluss als die eigenen Eltern. Konkret landet Österreich, was die „Aufwärtsmobilität“ zwischen den Generationen betrifft, auf Platz 21 von 23. Dahinter sind nur noch Deutschland und Tschechien zu finden. Besonders gut schneiden in puncto „Aufwärtsmobilität“ hingegen Russland, Korea und Finnland ab. Dort haben mehr als 55 Prozent der Kinder einen höheren Bildungsstand als ihre Eltern. Wobei in Ländern wie Korea freilich mehr Spielraum für einen Aufwärtstrend im Bildungsbereich da ist, da das Bildungsniveau der Elterngeneration dort ein niedrigeres ist als etwa in Deutschland oder Österreich. Hierzulande schaffen jedenfalls nur je 21 Prozent der 25- bis 34-jährigen Männer bzw. Frauen, die nicht mehr in Ausbildung sind, einen höheren Bildungsabschluss als Vater und Mutter. Im OECD-Schnitt sind es dagegen 28 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen.

An diesem Punkt gibt Heinisch-Hosek die Verantwortung de facto geschickt ab – und zwar an den Koalitionspartner. Die Vererbung von Bildung könne, so die Bildungsministerin, vor allem durch den Ausbau der Ganztagsschulen und der Einführung einer Gesamtschule gestoppt werden. Denn sowohl eine Betreuung am Nachmittag als auch eine spätere Trennung der Schüler in zwei unterschiedliche Schultypen würde Schülern aus weniger gut gebildeten Familien helfen.

Obwohl die Bildungsministerin heuer ausgerechnet bei den Ganztagsschulen spart, will sie eine neue Ausbauoffensive in diesem Bereich. Es soll mehr Ganztagsschulen in der verschränkten Form – mit einem Wechsel aus Unterricht und Freizeit – geben. Um mehr Kindern den Besuch in derartigen „echten Ganztagsschulen“ zu ermöglichen, will Heinisch-Hosek über eine mögliche Auflösung der Schulsprengel diskutieren. Damit sollen Kinder, in deren Gemeinde keine ganztägige Betreuung angeboten wird, leichter an Schulen in den Nachbargemeinden wechseln.

Und die Ministerin will der ÖVP die Gesamtschule schmackhaft machen. Sie wisse zwar, dass die Einführung einer Gesamtschule auch beim neuen ÖVP-Chef Mitterlehner nicht oberste Priorität habe, wolle ihm dieses Thema aber stufenweise antragen: Möglich wäre etwa eine Trennung statt wie bisher mit zehn erst mit zwölf Jahren oder die Schaffung echter Bildungsregionen in den Bundesländern. In solchen würden 50 Prozent der AHS auf Neue Mittelschulen (NMS) umgestellt und Schüler mit und ohne AHS-Berechtigung zu gleichen Teilen auf die beiden Schulformen verteilt. Ein Angebot, das sich vor allem an die schwarzen westlichen Bundesländer wie Vorarlberg und Tirol richtet, die sich schon bislang von der offiziellen ÖVP-Parteilinie distanzierten und Sympathien für eine Gesamtschule erkennen ließen.

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Bildungsausgaben: Auch einen anderen Indikator nimmt Heinisch-Hosek zum Anlass, Veränderungen anzukündigen – die Bildungsausgaben. Die sind in Österreich im internationalen Vergleich sehr hoch. Mit Ausgaben von 13.116 US-Dollar pro Auszubildendem vom Kindergarten bis zu den Hochschulen liegt Österreich deutlich über dem OECD-Schnitt von 9487 Dollar. Auch gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt Österreich mit 5,8 Prozent geringfügig mehr für Bildung aus als es die anderen Länder im Schnitt tun (5,6 Prozent).

Zurückzuführen seien die hohen Ausgaben laut Heinisch-Hosek vor allem auf die kleinen Klassengrößen. 2012 saßen in Österreich im Schnitt in der Volksschule 18 Kinder in einer Klasse, nur in Estland, Griechenland, Luxemburg, der Slowakei und Lettland waren es noch weniger. In der AHS-Unterstufe, der NMS bzw. Hauptschule lag die durchschnittliche Klassengröße bei 21 Schülern (OECD: 24), damit liegt Österreich im Mittelfeld.

Ein weiterer Preistreiber ist die verhältnismäßig kurze Zeit, die Lehrer im Vergleich in den Klassen verbringen (an AHS-Oberstufe bzw. berufsbildenden höheren und mittleren Schulen 589 Stunden pro Jahr, im OECD-Schnitt in Sekundarstufe II 655 Stunden). Auch wenn sich die kleinen Klassen und die Lehrerarbeitszeit auf das Budget auswirken, allein verantwortlich sind sie daran wohl nicht. Das weiß auch die Ministerin und kündigt eine effizientere Mittelverteilung an. Schon in der vergangenen Woche habe sie eine bundesweite Taskforce damit beauftragt herauszufinden, wie das Geld im österreichischen Schulsystem besser verteilt werden kann. Gemeint ist damit auch eine andere Mittelzuteilung. Die Schulen sollen entsprechend ihren Voraussetzungen – Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, Anteil der Kinder aus sozial schwachen Familien – gefördert werden.



Lehrer: Die internationale Studie zeigt ein weiteres Problemfeld im heimischen Schulsystem auf. Österreich ist das Land der alten Lehrer. Laut Studie waren 2012 in Österreich 45 Prozent der Lehrer in der Sekundarstufe 50 Jahre und älter, in den Volksschulen waren es 36 Prozent. Zum Vergleich: Im OECD-Schnitt waren bei den Sekundarlehrern 36 Prozent über 50, im Primarbereich 30 Prozent. Es braucht Nachwuchs. Gleichzeitig hat schon Ex-Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) angekündigt, dass künftig nur noch die Besten Lehrer werden sollen. De facto gibt es an den heimischen Uni nun Aufnahmetests für Lehrer. An der Uni Wien bleiben diese aber ohne Konsequenzen. Die Letztentscheidung, ob ein Lehramtsstudium begonnen wird, liegt beim Studenten selbst.

 

Akademikerquote: Apropos Studierende – die Akademikerquote ist seit dem Jahr 2000 von 14 Prozent auf 20 Prozent gestiegen. Hinter Österreich liegen damit aber nur die Türkei (15 Prozent), Italien (16), Chile, Mexiko (je 18) sowie Tschechien. Die geringere österreichische Akademikerquote unter den 25- bis 64-Jährigen hat auch damit zu tun, dass die Abschlüsse in den Ländern nur schwer vergleichbar sind. Fest steht, dass die heimische Akademikerquote bald „künstlich“ steigen wird. Künftig sollen auch die HAK- und HTL-Matura zu den tertiären Abschlüssen zählen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2014)