Ein Hamas-Lied wurde in Israel zum Sommerhit

Terror-Pop: Ein Kampflied in schlechtem Hebräisch sollte die Israelis das Fürchten lehren. Die tanzen lieber dazu.

Angriff! Verübt Terroranschläge!“ Mit dieser Zeile beginnt das Lied, das in Israel zum Sommerhit wurde. „Eliminiert alle Zionisten“, geht es auf Hebräisch weiter im Refrain, „erschüttert Israels Sicherheit.“ Zur eingängigen Melodie eines orientalischen Popsongs fordert der Text auf, israelische Soldaten zu verbrennen, das Land in Flammen zu setzen, dem Erdboden gleichzumachen. Israelis werden Kakerlaken gleichgesetzt. Im Video dazu werden im Sekundentakt Raketen abgefeuert, Menschen rennen panisch über einen Platz, Soldaten stolzieren mit Maschinengewehren. Psychologische Kriegsführung im YouTube-Zeitalter. Und das soll der Jugend zwischen Haifa und Jerusalem zum Ohrwurm geworden sein?

Zu „Tkof, Ta'aseh Piguim“, das im Juli von der Hamas veröffentlicht wurde, um die Israelis das Fürchten zu lehren, wurde in Israel nicht gezittert, sondern getanzt. Auf YouTube laden Israelis munter eigene Versionen des Songs hoch. Das Kampflied als andächtiges Klavierstück, als A-cappella-Variante, als Karaoke-Version; einmal singen Schlümpfe (Terroraufruf in Piepsstimme), ein andermal ist das Video hinterlegt mit Teletubby-Bildern, das Lied wird mit unterschiedlich voll gefüllten Wassergläsern nachgespielt oder von einem Papagei rezitiert.

Die Hamas hatte das Lied bereits 2012 auf Arabisch aufgenommen. Als der Konflikt um Gaza 2014 erneut entbrannte, erschien die hebräische Version. Die Hamas wollte ihre Gegner mit dem Lied wohl einschüchtern. Dass das nicht so ganz gelang, dürfte den Hebräisch-Kenntnissen der palästinensischen Propagandaabteilung zu verdanken sein. Israelische Blogger erklären, dass der Text eine Mischung aus Althebräisch, Neuhebräisch und ein paar Wörtern ist, die keinem von beiden zuzuordnen sind. Zusammengesetzt wurden diese Wörter mit fürchterlicher Grammatik (böse Zungen behaupten, dass die Hamas gar elektronische Übersetzungs-Tools à la Google Translate bemüht hätte) und mit starkem arabischen Akzent präsentiert. Aus dem hebräischen Wort für Terroranschlag, „piguim“, wird so gleich im Titel ein butterweiches „biguim“ (im Arabischen gibt es kein hartes P) – was genau nichts bedeutet.

Der Sommerhit zeigt, dass man über kriegerische Drohungen auch lachen kann: Man mache aus einem hetzerischen Kampflied eine Zeichentrick-Persiflage, und schon wirkt der Gegner nicht mehr bedrohlich, sondern wie ein erbärmlicher Produzent schlechter Popsongs. Vielleicht lebt es sich leichter mit einer Gefahr, wenn man seine Feinde zu dilettantischen Songwritern degradiert, wenn man ihre Lieder nicht fürchtet, sondern als Klingelton einstellt. Die Hamas wirkt auf einmal tollpatschig, plump, lächerlich. Zumindest im Paralleluniversum YouTube. Denn die Raketen, die rennenden Menschen und die Maschinengewehre – die sind echt.

E-Mails an:katrin.nussmayr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2014)

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