Schnellauswahl

Zahlungsausfall: Venezuela droht die Staatspleite

Venezuela´s President Nicolas Maduro and his wife Cilia Flores inspect the rebuilding of the Humboldt Hotel, a state-run hotel, at the Avila mountain in Caracas
Venezuela´s President Nicolas Maduro and his wife Cilia Flores inspect the rebuilding of the Humboldt Hotel, a state-run hotel, at the Avila mountain in Caracas(c) REUTERS (HANDOUT)
  • Drucken

Das Land will trotz hoher Zahlungsrückstände bei Importeuren die Auslandsanleihen bedienen. Das seien Zeichen des „moralischen Bankrotts“, kritisieren Harvard-Experten.

Caracas. Ist Venezuela nach Argentinien das zweite Land in Südamerika, das von der Staatspleite bedroht ist? Experten sehen die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls bei 63 Prozent. Venezuela häuft nach Schätzung von Morgan Stanley 13 Mrd. Dollar an Zahlungsrückständen bei Importeuren an. Das sei mehr als die Hälfte der Fremdwährungsreserven des Landes. Dadurch wird fast alles zu Mangelware. Deshalb stellt einer der Topvolkswirte des Landes die Entscheidung der Regierung infrage, weiter die Auslands-Bonds zu bedienen.

Das Land könne nur deshalb ausländische Bonds weiter bedienen, weil es die Importe nicht bezahlt, sagt Ricardo Hausmann, Ex-Planungsminister und nun Direktor des Center for International Development an der Harvard University. „Ich finde die Entscheidung seltsam. Normalerweise erklären sich Regierungen lange vor diesem Punkt zahlungsunfähig“, sagte er zu „Bloomberg News“.

Hausmann rät zwar nicht explizit zu einem Zahlungsausfall. Er sieht allerdings „keine moralischen Gründe“ für die Regierung und den staatlichen Ölkonzern Petroleos de Venezuela, 5,3 Mrd. Dollar an Anleihezahlungen zu leisten, die in den kommenden Monat anstehen. Angesichts von Währungsreserven auf einem Elf-Jahres-Tief und den Zahlungsrückständen bei Importeuren fehlen selbst elementare Dinge wie Medikamente und Toilettenpapier. Und bei den verfügbaren Produkten steigen die Preise deutlich. Das beschert Venezuela die weltweit höchste Inflationsrate. Die letzten veröffentlichen Daten stammen vom Mai – da lag die Teuerung bei 61 Prozent.

 

Weltweit höchste Inflation

Die Probleme von Präsident Nicolas Maduro, die Krise in den Griff zu bekommen, haben die Anleihen des Landes in den Keller geschickt. Der Extra-Aufschlag, den Investoren verlangen, dass sie statt US-Treasuries lieber Staatspapiere aus Venezuela besitzen, ist in den vergangenen vier Wochen um 2,99 Prozentpunkte auf 13,39 Prozentpunkte angeschwollen, den höchsten Wert seit Februar. Das belegen Daten der US-Bank JPMorgan Chase. Der Spread ist bei keinem anderen Schwellenland derart groß.

In der Vorwoche brachen die Staatsanleihen abermals ein. Maduro hatte Rafael Ramirez gefeuert, den wohl wichtigsten Wirtschaftspolitiker des Landes. Das festigte Sorgen, die Regierung könnte Maßnahmen verschieben oder streichen, die den Dollar-Abfluss stoppen sollen, etwa eine Währungsabwertung und die Anhebung der Spritpreise.

Vergangene Woche veröffentlichten Hausmann und ein anderer Harvard-Wissenschaftler einen Artikel mit dem Thema „Should Venezuela Default?“ (Soll Venezuela einen Ausfall zulassen?). Sie schilderten, wie der Mangel den Bewohnern das Leben schwermacht. „Die Tatsache, dass sich die Regierung dazu entschieden hat, einen Ausfall für 30 Millionen Venezolaner zuzulassen, nicht aber für die Wall Street, ist keinesfalls ein Zeichen moralischer Rechtschaffenheit“, kritisieren sie. „Es ist ein Zeichen für moralischen Bankrott.“

Venezuelas Fremdwährungsanleihen sind in der Absicherung so teuer wie keine anderen Papiere. Die Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps) sind in den vergangenen vier Wochen um 3,73 auf 14,47 Prozentpunkte angestiegen.

Damit sieht der Markt eine 63-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass es in den kommenden fünf Jahren zu einer Unterbrechung bei den Zahlungen kommen wird. Hausmanns Antwort auf die Frage, was er an Maduros Stelle machen würde, spiegelt die Vertrauenskrise wider: „Ich würde sofort zurücktreten und demokratische Wahlen ansetzen.“ (Bloomberg /eid)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2014)