Direktor Michael Schottenberg hat eben seine zehnte und letzte Saison im Haus am Weghuberpark begonnen. Er konnte Auslastung und Einspielergebnisse steigern. Wichtig ist ihm vor allem, möglichst breite Schichten anzusprechen.
Wien. Als er 2005 das Wiener Volkstheater in schwierigen Zeiten übernahm, hat Michael Schottenberg sich nicht von Hindernissen abschrecken lassen: „Theater ist immer in der Krise“, sagt er, „sie erfordert Kreativität, Flexibilität, Realitätssinn und Anpassung an gegebene Situationen und Bedürfnisse, gleichzeitig aber fordert sie auch Risikobereitschaft. Theater ist immer ungesichert, man kann mit allem scheitern. Das ist unser Beruf.“
Inzwischen sind die Bedingungen für Schottenberg, Kandidat bei der Wahl zum Österreicher des Jahres, nicht einfacher: „Die Kulturpolitik muss sich überlegen, was sie künftig will. Wenn sie ein Haus dieser Größe will, muss sie es ausreichend finanzieren, sonst gibt es Probleme. Das sieht man auch bei Institutionen wie der Wiener Staatsoper, den Salzburger wie den Bregenzer Festspielen. Man kann nicht so einfach reduzieren. Jeder von uns muss permanent mit noch weniger auskommen. Keiner kann von dem leben, was an der Kassa hereinkommt. In einem Haus, über dessen Eingang ,Volkstheater‘ steht, müssen die Karten leistbar sein. So gesehen wird eigentlich das Publikum subventioniert.“
Kunst sei ein teures Gut. Es wäre besser, von Investition statt von Subvention zu sprechen: „Die Künstler berichten von der Gegenwart und blicken in die Zukunft. Kunst hat viel mit Würde zu tun. Das Betteln um Subventionen ist unwürdig. Darunter leiden wir alle: ich seit neun Jahren.“
An seine Aufgabe sei er blauäugig herangegangen: „Aber das muss wohl so sein.“ Wüsste einer, welche Schmerzen es bringe, stiege er wohl nicht auf den Mount Everest. „Man wächst mit der Aufgabe. Heute weiß ich vieles besser. Man muss zu sich finden, zu seiner Gelassenheit.“ Die Träume seien meist zu kühn. „Gut so, sonst würde man gar nirgends hinkommen. Heute kann ich sagen, ich habe alles umgesetzt, was ich mir erträumt habe.“ Das Publikum sei durch das Projekt Hundsturm bunt und vielfältig. „Das ist ein wichtiger experimenteller Raum. Oder die Rote Bar: Dort kann man nach der Aufführung zusammensitzen und über das Theater reden. Oder einfach nur etwas trinken. Oder schmusen, tanzen. Oder alles zusammen. Ein ganz wichtiger Ort! Und ,Die Besten aus dem Osten‘! Wie sehr liebe ich gerade dieses kleine, feine Festival. Die jungen Regisseure, die wir da gefunden haben, brachten uns viel Neues.“
Die Auslastung ist seit 2005 gestiegen. Hat sich auch das Einspielergebnis verbessert? Schottenberg: „Ja. Mindestens so wichtig finde ich aber, dass ich unseren Schauspielern so viele schöne Möglichkeiten geben durfte. Das Einkaufen teurer Gäste ist so gar nicht meine Philosophie. Ich freue mich, dass unser unvergleichliches Ensemble zusammenwachsen konnte.“
Was ist seine Marke Volkstheater? „Es wurde für sehr viele unterschiedliche Menschen geöffnet. Ich nehme alle ernst, die zu uns kommen – in den Bezirken, im Haupthaus, den Nebenbühnen. Ich sehe unser Theater als Ort der Unterhaltung und des gesellschaftspolitischen Anspruchs, als breit aufgestelltes, freudvolles Kommunikationszentrum diverser Begegnungsmöglichkeiten. Wir haben neue Publikumsschichten gewonnen, darunter sehr viele junge Menschen. Zum Glück immer mehr!“
Wie sieht die Bilanz aus? Dafür sei es zu früh, sagt er, und fügt hinzu: „Ich weiß nicht, ob alles, was ich angepackt habe, gelungen ist. Wer kann das von sich sagen? Was wir getan haben, war jedenfalls mutig und frech und bunt und laut. Unsere Recherchen nach der Wirklichkeit haben auf die Vielfalt der Stadtgesellschaft reagiert. Mit solchen Themensetzungen haben wir, als einziges der großen Wiener Theater, Neuland betreten.“ Das habe vielen eine Stimme gegeben, auch den leisen. „Zugehen auf Publikumsschichten, die nicht jener Gesellschaft angehören, die hat, sondern jener, die braucht – das ist es, was mir so wichtig war und ist. Ich habe anfangs gesagt, wir wollen Wien anzünden. Damit meinte ich die Fantasie. Nicht nur die auf der Bühne. Denn wir mussten immer schon mit sehr wenig Geld auskommen.“
Wovon träumt er als Intendant? „In dieser Saison
erfülle ich mir mit dem ,Sommernachtstraum‘ einen Herzenswunsch. Ich denke da an Inszenierungen von Mnouchkine. Sie ist mein Idol. Was die schon von mir beklaut wurde! Die Arme! Ich bin ihr Schicksal. Mich kriegt sie nicht so leicht los.“