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Die Bühne als Skulptur

Ein weißes Etwas in der Landschaft, das auffällt, aber nicht stört: die neue Freiluftbühne in Königsbrunn am Wagram. Erst aus der Nähe erschließt sich die eigentliche Bedeutung.

Niederösterreich zählt im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum zu den qualitativ und quantitativ produktivsten Bundesländern in Österreich. Neben permanenten und temporären künstlerischen Interventionen sind es immer wieder auch Aufgaben an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kunst und Design wie Platzgestaltungen oder verschiedene Kleinarchitekturen der kommunalen Infrastruktur, die im Zuge dieses Programmes seit den 1980er-Jahren auf durchwegs hohem künstlerischen Niveau entstehen. Auch die Marktgemeinde Königsbrunn am Wagram trat an die Kulturabteilung des Landes heran, um für die gewünschte Freiluftbühne nicht nur die entsprechende Förderung, sondern im Zuge eines Wettbewerbs, zu dem Architekten, Architektinnen und Künstler geladen waren, auch einen hochkarätigen Entwurf zu bekommen. Als Bauplatz war eine gemeindeeigene, direkt an den Sport- und Spielplatz von Kindergarten und Volksschule angrenzende Wiese vorgesehen. Konkrete Vorstellungen für deren regelmäßige Bespielung gab es wenige. Jedenfalls sollte sie dem Königsbrunner Kammerchor ein Podium bieten und bei diversen Dorffesten dienlich sein.

Für Martin und Werner Feiersinger – der eine Architekt, der andere Künstler – war mangels konkreter Programmatik und anfänglicher Unklarheit darüber, wie häufig die Bühne in Zukunft genutzt wird, von Anfang an wichtig, dass das Objekt auch zweckfrei funktionieren muss, also auch im unbespielten Zustand seine Daseinsberechtigung haben muss. In erster Linie sollte es daher eine Skulptur sein. Als Aufstellungsort wählten sie einen Platz möglichst nah am vorbeiführenden Weg, knapp an der Hangkante. Die weithin sichtbaren Geländestufen sind charakteristisch für die aus sandigem, mineralreichem Löss bestehenden Höhenzüge des Wagrams nördlich der Donau. Bäuerlich geprägt ist die Umgebung, schlichte Gehöfte, mächtige Scheunen aus Holz und malerische Kellergassen prägen die Ortsbilder der Weinbauregion. Die Bühnenskulptur sollte in Maßstab und Einfachheit dieser anonymen bäuerlichen Architektur adäquat sein.

Ausgehend von einer Art Guckkastenbühne, in den ersten Skizzen noch mit rechteckigem Umriss, entwickelten sie ein Faltwerk aus acht Zentimeter starken Brettsperrholzplatten und gelangten schließlich zur Form eines zur Wiese hin sich aufweitenden Schirms aus neun Dreiecksflächen, der wie ein überdimensionales Origami am Wegrand steht. Seine Dimension wurde sorgfältig überlegt – einerseits im Hinblick auf seine Nah- und Fernwirkung in der Landschaft, aber gleichzeitig auch, was mögliche Nutzungsszenarien angeht. Ein großer Chor sollte ebenso Aufstellung nehmen können wie ein einzelnes Piano nicht in einem zu großen Raum verloren wirken sollte, und so kam man schließlich zu einer Bühnenfläche von rund 32 Quadratmetern und Höhen und Breiten von 6,50 m x 10 m an der Bühnenvorderseite und 3,00 m x 2,50 m an der Rückseite. Zwei Stahlrohrrahmen halten wie ein kräftiger Muskelstrang das leichte Holzfaltwerk in der Fundamentplatte und dienen zugleich als Halterung für Scheinwerfer und andere technische Infrastruktur.

Ein wasserdichter Überzug aus Polyester – übrigens ein Material, das in Weinbaugegenden von den Kunststoffweintanks vertraut ist, und mit dem sich Werner Feiersinger bereits in den 1990er-Jahren viel beschäftigte – bildet an den Außenflächen einen schützenden Regenmantel. Innen wurde mit einem diffusionsoffenen Acrylat beschichtet, damit das Holz „atmen“ kann. Mit dieser strahlend weißen Haut erhielt der Schirm einen festlichen Anzug, der ihn aus der ländlichen Gebrauchsarchitektur als etwas Besonderes hervorhebt. Schon von Weitem sieht man das Objekt markant auf der Hangkante sitzen. Worum es sich tatsächlich handelt, ist aus der Ferne nicht wirklich erkennbar. Ein weißes Etwas, das auffällt, aber nicht stört. Ein Zelt, eine große, ausgesprochen schöne Satellitenschüssel oder gar eine Luftraumüberwachungsstation? Ein Merkzeichen in der Landschaft jedenfalls. Seine Ausmaße überragen aber nicht die kleinen Baumgruppen, die in der Landschaft Akzente setzen. Erst aus der Nähe erschließt sich sein Zweck.

Die Rückwand bleibt im unbespielten Zustand offen. Dann ist die Bühne Skulptur, Aussichtsplattform oder einfach Unterstand. Um bei Aufführungen die notwendige Intimität und einen Windschutz herzustellen, kann die Öffnung mit einem Rollvorhang geschlossen werden, womit aus dem Fenster in die Landschaft ein zur Wiese gewandter, konzentrierter Aufführungsort wird. Der ursprünglich zu diesem Zweck vorgesehene klassische Rollbalken hätte wahrscheinlich mehr Charme und Witz gehabt, wurde aber leider mangels TÜV-Zertifizierung von der gestrengen Baubehörde abgelehnt.

Die Objekte und Fotografien des Künstlers Werner Feiersinger (*1966) zeugen von einer Passion für die Architekturgeschichte. Seine Skulpturen erinnern häufig an Architekturfragmente, sind aber stets ohne Gebrauchszweck. Sein Interesse gilt besonders der Materialität und den skulpturalen Qualitäten der Architektur der Moderne, ohne diese zu idealisieren. Der Architekt Martin Feiersinger (*1961) überzeugte wiederholt mit formal zurückhaltenden Bauten, die seine hohe Sensibilität im Umgang mit Bautraditionen und deren adäquater Interpretation für die Gegenwart belegen. Fallweise arbeiten die aus Brixlegg (Tirol) gebürtigen und in Wien lebenden Brüder zusammen. An diesem Hybrid aus Skulptur und Bühne konnten sie ihre jeweiligen Stärken ausspielen. Es ist ihnen die Definition eines zugleich signifikanten wie poetischen Ortes gelungen, eine Loggia am Wagram, die einzelnen Ausflüglern ebenso ein Raum- und Landschaftserlebnis zu bieten imstande ist wie sie ein festlicher Rahmen für größere und kleinere Veranstaltungen sein kann. Den Kindergarten- und Schulkindern steht zudem das ganze Jahr eine robuste Struktur für Aufführungen jedweder Art – oder einfach als witterungsgeschützte Spielfläche – zur Verfügung.

Was seine Dimension und Errichtungskosten angeht, ist es kein großes Projekt. Aber es ist eines, das ganz gewiss große Wirkung entfalten kann und das kulturelle Leben im Ort zu unterstützen vermag. Gerade in Niederösterreich sind es sehr oft diese aus dem Kunstbudget geförderten räumlichen Interventionen und Kleinarchitekturen, deren Wert im Hinblick auf den Nutzen im dörflichen Alltag und die Identitätsbildung in den Orten in Relation zu den meist knappen Budgets enorm hoch ist.

Wie großartig wäre es, wenn auch bei anderen kommunalen Bauten, wie den zahlreichen Kindergarten- und Schulneu-/zu- und Umbauten, aber auch bei den vielen Ortsrandsiedlungen und Kleinwohnhausanlagen auf diesem Niveau operiert werden könnte! Erste Anerkennung durch eine Fachjury hat das Kleinod am Wagram bereits kurz nach Fertigstellung erhalten: Es ist unter den 27 Bauten, die für den Bauherrenpreis 2014 der Zentralvereinigung der Architekten nominiert wurden. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2014)