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Olahs Sturz: Das Interview kostete ihn den Kopf

ARCHIVBILD: FRANZ OLAH
(c) APA/ROLAND SCHLAGER
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Vor fünfzig Jahren endete die Karriere eines schillernden Sozialisten abrupt. Das Gespräch mit der „Presse“ war nur der Vorwand für die internen Feinde des Franz Olah.

Just ein „Presse“-Interview sollte im September 1964 den einflussreichsten Mann in der SPÖ Kopf und Kragen kosten:

Franz Olah, 54 Jahre alt, vormals Präsident des ÖGB und 2. Präsident des Nationalrates, nun seit eineinhalb Jahren Innenminister. Der gelernte Klaviermacher, der als österreichischer Patriot das KZ Dachau überlebt hatte, war ungeduldig, aufbrausend. Die etablierte Parteispitze fürchtete, dass der Mann an die Macht drängte: „Ich bin nicht Minister geworden, damit alles beim Alten bleibt“, ließ er wissen.

Und so agierte er auch, umgab sich mit ergebenen Parteigängern, versetzte gleich 36 „schwarze“ Beamte auf unbedeutende Posten, trieb die Verschmelzung von Polizei und Gendarmerie voran, um dem „schwarz“ kontrollierten Bundesheer ein Gegengewicht zu bieten – und beschuldigte schließlich öffentlich seine Staatspolizisten, eine „Spitzelkartei“ mit Informationen über 70.000 Österreicher zu unterhalten. Auch über Regierungsmitglieder. Die Kartei ließ er öffentlichkeitswirksam vernichten. Freilich: Wie viele Kopien zuvor angefertigt wurden, das lässt sich heute nicht mehr sagen.

Der Ton des Hernalsers war rüde, weil er sich unangreifbar wähnte. Hatte er sich nicht 1950 als Retter der Republik einen Namen gemacht? Prügelte er nicht mit seinen Bauarbeiter-Gewerkschaftern den KPÖ-Putschversuch nieder? Als ihm eine bürgerliche Zeitschrift schrieb, sie werde wegen der brutalen Personalpolitik an einem Essen nicht teilnehmen, diktierte Olah voller Hohn: „Wenn wir es früher gewusst hätten, hätten wir Sie mit Vergnügen gar nicht eingeladen. Wir hoffen sehr, Sie nicht mehr bei uns zu sehen. Das Essen wird außerdem besser schmecken, wenn uns Ihr Anblick erspart bleibt (und weniger Geld kostet es auch).“

 

Psychiater mit Ferndiagnose

„Schatten über Österreich“, titelte das einzige damals existierende politische Magazin, die „Wochenpresse“. Olahs Parteifeinde beauftragten insgeheim zwei Psychiater, den impulsiven Minister bei öffentlichen Auftritten zu beobachten. Dann legte Klinikchef Hans Hoff Parteichef Bruno Pittermann sein Gutachten vor: Olah sei schizophren. Dies sei „wahrer Stalinismus“, wehrte sich der.

Das Interview, das Olah daraufhin der „Presse“ gab, war natürlich nur das Tüpfelchen auf dem i, um den Unbequemen loszuwerden. Die Apparatschiks in seiner Partei mussten ihn zu Recht fürchten. Als Innenminister hatte er Einblick in die Dossiers der handelnden Personen, ihre Lebensläufe, ihre Verstrickungen in der NS-Zeit, ihre Versuche der Reinwaschung nach '45, ihre Anbiederungen bei den Kommunisten oder im Bund Sozialistischer Akademiker, wo man als Ex-Nazi problemlos Karriere machen konnte. Olah, der KZ-Überlebende, wusste das alles.

Er kannte den KP-Lebenslauf seines Todfeindes Christian Broda, der es bis zum Justizminister der Zweiten Republik bringen sollte und sich auch vom allmächtig scheinenden Kanzler Kreisky in seinen Kompetenzen nicht dreinreden ließ.

 

Ein Ex-Kommunist als Justizminister

Brodas SP-Parteibuch war eher jüngeren Datums. Denn von 1931 bis 1946 war er ein eifriger und überzeugter kommunistischer Aktivist. Noch am 11. August 1945 – da gab es die SPÖ schon längst – schrieb Broda ans Zentralkomitee der KPÖ: „[...] dass ich mich, wie seit meiner frühesten Jugend als Kommunist, auch in Zukunft in meiner Berufs- und allfälligen öffentlichen Tätigkeit nur als Beauftragter der führenden demokratischen und antifaschistischen Kraft in Österreich, der Kommunistischen Partei Österreichs, betrachte und ihr gegenüber verantwortlich fühlen werde.“ Schon zuvor, gleich zu Kriegsende 1945, brachte ihn die Bevölkerung von Ried im Innkreis in Verbindung mit dem Fememord an drei Nazis in einem Steinbruch – ohne Gerichtsurteil.

Im Keller des Ministeriums war Olah auf verstaubte Aktenfaszikel gestoßen, die sich als Dossiers der Stapo entpuppten, die nach 1945 KP-unterwandert war. 43.000 Aktenmappen – auch über alle Politiker, ob links, ob rechts, ob Nazi, ob Kommunist: Die Karriere jedes halbwegs wichtigen Akteurs lag da wie ein offenes Buch. Offenbar wussten die Amtsvorgänger Olahs nichts von dem munteren Treiben, denn auch die sexuell anders gearteten Vorlieben des früheren Innenministers Beppo Afritsch waren da penibel verzeichnet.

 

Die Große Koalition am Ende?

Olah wollte aber mehr als nur die ganze Macht in der SPÖ: Er wollte endlich aus dem Joch ausbrechen, das in Form der „Großen Koalition“ auf dem Staatsganzen lastete. Dazu dienten dem Katholiken eine Annäherung an die katholische Amtskirche und eine geheime Subvention für die stets bedürftige winzige FPÖ. Und die „Krone“ als verlässliches Sprachrohr.

Seine Machtbasis, den ÖGB, hat er zugunsten des Ministeramtes aufgegeben – der erste schwere Fehler. Und der zweite folgt nun: Er empfängt den „Presse“-Redakteur Georg Nowotny zu einem Gespräch. Ein klarer Verstoß gegen damalige Regeln in der SPÖ. Mit „gegnerischen“ Medien darf ein aufrechter Funktionär keinen Umgang pflegen. In dem Interview kritisiert er den Parteivorsitzenden Pittermann und seinen Widersacher Broda. „Ich werde von gewissen Genossen ärger diffamiert als von Feinden.“ Ungläubig fragt Nowotny den Mächtigen, ob er dies alles publizieren dürfe. Olah stimmt müde zu.

 

Schnellverfahren gegen Olah

Nowotny rückt das vierspaltige Interview in die Morgenausgabe des 15. Septembers 1964 auf Seite fünf – dann ist der Teufel los. Bereits am nächsten Morgen tagt der Parteivorstand, 24 Stunden später schon das Schiedsgericht. Olah ist allen Ernstes angeklagt, in einem „nicht sozialistischen Blatt“ Angriffe gegen die Parteiführung gestartet zu haben. Wieder einen Tag später ist Minister Olah gestürzt.

Dass damit die Probleme für die SPÖ erst so richtig beginnen, wird bald klar: Franz Olah will das Feld nicht kampflos räumen, nachdem man ihn auch noch aus der Partei ausgeschlossen hat. Er rächt sich bitter mit der Gründung einer eigenen Partei, wird in den Wiener Gemeinderat gewählt, in der SPÖ toben Richtungskämpfe, 1966 erleidet sie eine solch schwere Wahlniederlage, dass die ÖVP erstmals allein regieren kann.

 

Dreimal in österreichischer Haft

Die Rache der Partei folgt auf dem Fuße – in einem Sensationsprozess wird Olah wegen der kurzfristigen Verpfändung eines ÖGB-Sparbuchs zur Existenzgründung der „Kronen-Zeitung“ verurteilt, eingekerkert und später geächtet. So wird er zum einzigen österreichischen Politiker, der in drei verschiedenen Regierungsformen im Gefängnis saß: Im „Ständestaat“ als illegaler „Sozi“, im NS-Regime detto, und dann in der Zweiten Republik.

„Man sagt mir nach, ich sei machtgierig gewesen. Natürlich wollte ich Macht“, meinte er in den Achtzigerjahren im „Presse“-Interview. Aber er legte Wert auf die Feststellung, dass er seinen gewaltigen Einfluss nie für persönliche Zwecke missbraucht habe. „Geld, Luxus, Wohlleben waren für mich keine erstrebenswerten Ziele.“ Wer je die Auszeichnung hatte, von dem alten Mann in Baden Zeitgeschichte-Lehrstunden zu erhalten, wird dies jederzeit bestätigen.

Am 4. September 2009 starb Franz Olah im 100. Lebensjahr in Baden. Der Sarg wurde – dem Testament entsprechend – in Sankt Stephan aufgebahrt, die Trauerreden hielten Kurt Scholz und Hannes Androsch. Beide haben so ihre Erfahrungen mit der SPÖ.

DIE SCHWERSTE SPÖ-KRISE

Der „Fall Olah“ war in der Nachkriegsgeschichte die schwierigste Phase für die SPÖ. Ihren Ausgang nahm sie schon am 28. Jänner 1964 mit dem spektakulären TV-Auftritt des Innenministers, bei dem er aufgefundene „Spitzelakten“ zeigte.

Der Apparat witterte Gefahr, die von dem ungezügelten Machtanspruch Olahs ausging. Der Mann konnte auf die Gewerkschafter bauen, er war der einzige Arbeiter in der Parteispitze und wusste seinen Einfluss auch populistisch zu nützen.

Nach dem „Presse“-Interview machte der Parteivorstand kurzen Prozess: Er stürzte den Innenminister und warf ihn aus dem Parteigremium;
am 4. November schloss man ihn aus der SPÖ aus.

Bruno Kreisky war zwar Außenminister, hatte in der Partei aber noch keine Machtbasis. So konnte er dem Freund aus den Zeiten der illegalen sozialistischen Arbeiterjugend nicht helfen.

Vernichtung. Erst als Bundeskanzler verschaffte Kreisky Olah jene Ministerpension, die man ihm lange verweigert hatte. Die von Zilk vorgeschlagene Ehrenbürgerschaft lehnte die Wiener SPÖ ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2014)