Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Welche Droge nimmt ihr Fuchs?

(c) Ned Beauman
  • Drucken

Ned Beauman wurde mit Romanen bekannt, die in den 1920ern spielen. In »Glow« hingegen geht es um hier und heute, um Raves, Raffgier, Liebe und verbotene Substanzen.

Ich mag Süd-London und Füchse und Nachtbusse und Tanzen und mich verlieben.“ Und weil Ned Beauman (Jahrgang 1985) einmal über Dinge schreiben wollte, die er mag, mixte er aus diesen Zutaten den Roman-Cocktail „Glow“: manchmal köstlich, mitunter schwer verdaulich, eindeutig berauschend – auch wenn man zeitweise keine Ahnung hat, was man eigentlich konsumiert.

Damit befindet sich der Leser allerdings in guter Gesellschaft, denn das Personal, das durch „Glow“ taumelt und turtelt, weiß die meiste Zeit auch nicht recht, wo oben und wo unten ist. Das liegt daran, dass diese zum Teil sehr liebenswerte Truppe aus Halbversagern, Möchtegern-Machern und Selbstversuchs-Chemikern eher keinen Plan hat, was das eigene Leben angeht. Und das bisschen Plan, das sie vielleicht noch hätten, löst sich Nacht für Nacht in wummernden Beats so schnell auf wie die bunten Pillen dubioser Provenienz auf ihrer Zunge.

Einer von ihnen ist Raf, der an einer seltenen Krankheit leidet, einer „Schlaf-Wach-Störung mit Abweichung vom Vierundzwanzig-Stunden-Rhythmus“. Sein Körper funktioniert in 25-Stunden-Tagen. Das zwingt ihn auf eine physische und soziale Umlaufbahn, die ihn jeden Tag eine Stunde weiter von seiner Umgebung entfernt. Damit ist an einen normalen Job natürlich nicht zu denken, am unauffälligsten kann Raf sein Leben in der Welt leben, in der Tag und Nacht ohnedies einerlei sind: jener spontaner Raves, Piraten-Sender und synthetischer Drogen. Also lässt er sich dafür bezahlen, einen liebesbedürftigen Staffordshire Bullterrier namens Rose Gassi zu führen, der auf einem Hausdach die illegale Sendeanlage von Myth FM bewacht.


Lichtwahrnehmungsdroge. Mit dieser ohnedies recht mühsamen Routine ist es vorbei, als Raf bei einer Party in einem Waschsalon die Frau seiner Träume sieht: Cherish, halb Amerikanerin, halb Burmesin. Er steht auf einem Trockner und will gerade das neueste Produkt seines Freundes Isaac kosten – eine Mischung aus Speed, Glutamat und einem noch nicht zugelassenen Medikament gegen Schüchternheit bei Hunden – als er sich Hals über Kopf und quer durch den Raum verliebt. Gleichzeitig tritt eine sagenumwobene neue Droge namens Glow in Rafs Leben, von der man nur weiß, dass sie die Lichtwahrnehmung verändert und alles, was man sieht, schön erscheinen lässt. Das Interesse an Glow ist groß: die weltweit operierende US-Bergbaugesellschaft Lacebark mit ihrer bedrohlichen Sicherheitstruppe will sie genauso wie der burmesische Widerstand.

Raf und Isaac bekommen es mit Menschen zu tun, die grundsätzlich nicht die sind, für die sie sich ausgeben; mit weißen Lieferwägen, in denen haufenweise Menschen (vor allem, aber nicht nur, Burmesen) entführt werden; und mit einer Invasion von Füchsen im Londoner Stadtgebiet, die ein deutlich höheres Intelligenzniveau aufweisen als ihre Artgenossen auf dem Land. All das hängt natürlich zusammen, wie, das sollte man aber bitte nicht verraten, ersucht Ned Beauman in seinem Blog.

Ein paar Dinge darf man allerdings vorwegnehmen: „Glow“ ist Beaumans erster Ausflug in die Gegenwart. Bisher machte er sich mit Romanen einen Namen, die in den 1920ern und 1930ern spielen: „Flieg, Hitler, flieg!“ (2010) und „Egon Loesers erstaunlicher Mechanismus zur beinahe augenblicklichen Beförderung eines Menschen von Ort zu Ort“ (2012). Die virtuose Handhabung der Sprache und sein skurriler Witz legten Vergleiche mit P.G. Wodehouse und Evelyn Waugh nahe und machten Beauman zu einem der meistbeachteten Jungautoren Englands.


Wodka gegen die Liebe. Für „Glow“ nennt Beauman selbst ganz andere Vorbilder: John Updike etwa oder William Gibson und seine „Bigend“-Trilogie. Vor allem an Gibson erinnert es stark, sowohl im Ton als auch in der kopflastigen, synthetischen Grundstimmung. Traumfrau Cherish ist dafür wohl das extremste Beispiel, ein Mädchen, um das herum es „schwarze Eisengeländer und einen ordentlichen rasenbepflanzten Abstandhalter“ gibt. Cherish trinkt am Morgen danach Wodka – nicht gegen den Kater sondern gegen die Liebe, weil zu viel Oxytocin nach einer Liebesnacht die Bindungsbereitschaft steigern könnte.

„Glow“ ist streckenweise ein Feuerwerk an Sprachwitz und intelligenten Beobachtungen, dann und wann aber stolpert Beauman bei dem Versuch, noch ein Bild und noch eine clevere Bemerkung anzubringen. Darunter leidet auch die Handlung, die etwas beliebig wirkt. Am besten behält Beauman die Spannungsfäden in der Hand, wenn er seine Personen zwischendurch ihre Lebensgeschichten erzählen lässt.

Außerdem empfiehlt es sich, „Glow“ auf dem Smartphone zu lesen. Denn obwohl die „Generation Breaking Bad“ sich schon einiges an chemischem und neurowissenschaftlichem Wissen zugelegt hat, dürfte es nicht viele Leser geben, die diesen Roman ohne Hilfe von Google bewältigen können. Und man kann auch gleich in die Spotify-Playlist reinhören, die Beauman bei „Glow“ inspiriert hat (zu finden auf www.nedbeauman.co.uk).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2014)