Am nächsten Donnerstag befinden die Wähler von Schottland in einem Referendum darüber, ob ihr Land wieder unabhängig werden soll. Was sagen besonnene Medien in London dazu?
So zahm ist das Londoner Wochenmagazin „The Spectator“ höchst selten. Am Samstag hüllte sich das Referenz-Blatt für Konservative, das diesen seit 1828 die intellektuelle Richtung vorgibt, in schottisches Blau und schrieb in großen weißen Lettern auf die Titelseite: „Scotland, please stay“. Langsam dämmert es den entschlossenen Unionisten im Süden, dass am 18. September die seit 1707 bestehende Zweckgemeinschaft mit den wilden Nachbarn im Norden enden könnte, von der die Tories in London anfangs gar nicht begeistert waren. Die liberalen Whigs träumten damals von Expansion. Man wollte den Ex-Feind neutralisieren. Jetzt ängstigt sich sogar der politische Redakteur des „Spectator“ vor der Spaltung: „Das passiert wirklich. Die Schotten könnten dafür stimmen, die größte, erfolgreichste Union der menschlichen Geschichte zu beenden.“
Auch das linke Pendant in London, der seit 101 Jahren fortschrittliche „New Statesman“, sieht auf seiner Titelseite „Britain in meltdown“, illustriert vom zerfließenden Union Jack – unten rinnt der britischen Flagge die blaue Farbe raus. Das Establishment sei wegen Schottland in blinder Panik. „Wie in aller Welt konnte es dazu kommen?“, steht darüber. Im Leitartikel weiß das Blatt, das dem Thema ebenfalls eine Serie von Analysen und Kommentaren widmet, bereits: „Sogar wenn die Union das übersteht, sind die letzten Reste der Autorität von Westminster weggewaschen worden.“ Schlechte Zeiten, für jede künftige Regierung in London. Die Union müsse sich ändern, um zu überleben.
UK RIP? Das weiß auch „The Economist“, der die Titelseite mit einer britischen Flagge auf Halbmast illustriert, auf einem Burgfried: „UK RIP?“ lautet die Schlagzeile. Wird das Vereinigte Königreich in Frieden ruhen? Das liberale Journal analysiert „die schmerzhaften Konsequenzen schottischer Unabhängigkeit“ und „wie eine Nation verrückt wurde“. Die Separatisten wollen schlicht die Tories loswerden, sie haben genug vom Machthunger des britischen Staates, heißt es in der Kolumne „Bagehot“. Im Leitartikel wird Schlimmstes befürchtet: „Die Union abzuservieren wäre ein Fehler für Schottland und eine Tragödie für das Land, das es zurücklässt.“ Rumpf-Britannien würde international geschwächt. Das sei schlecht für den freien Handel und die internationale Ordnung, für die man stehe.
Würde aber Schottland reicher, wie deren Nationalisten sagen? Nein, meint „The Economist“, der sich auch keine harmonische Trennung vorstellen kann: „Wenn Schottland geht, wird der Rest Britanniens zornig sein, sowohl auf die Schotten als auch auf die eigene Führung, die dazu getrieben würde, hart zu verhandeln. Die Schotten mögen bitte bleiben. Das rettete nicht nur die Union, sondern verbesserte sie auch, wie in den 300 Jahren bisher.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2014)