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Mit Flaubert im Kopfkino

(c) imago/PanoramiC
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Mit »Gemma Bovery«startet nächsten Freitag die zweite Verfilmung einer Graphic Novel der innovativen Posy Simmonds.

Ich habe Gemma Boverys Blut an den Händen“, bezichtigt sich der Erzähler auf der ersten Seite der Graphic Novel „Gemma Bovery“ von Posy Simmonds. Die gefeierte englische Zeichnerin und Autorin bezieht sich bereits mit dem Titel ihres Buchs auf Gustave Flauberts Romanklassiker „Madame Bovary“: In ihrer ironischen Modernisierung des Stoffs kann die Titelheldin ihrer berühmten Fast-Namensvetterin nicht entkommen.

Die Britin Gemma Bovery ist nämlich nach Frankreich übersiedelt – weg von der lästigen ersten Frau und den Kindern ihres Mannes, in die vermeintlich paradiesische Provinzruhe der Normandie. Wo Gemmas Name für Assoziationen sorgt. Vor allem beim Erzähler: Gemmas Nachbar, Bio-Bäcker Joubert entwickelt eine idée fixe, wo doch sogar Gemmas Gatte Charlie heißt – das Pendant zu Emmas Ehemann Charles Bovary. Die Handlung folgt Flaubert'schen Bahnen: Gemmas Begeisterung für das eben noch verklärte Landleben schwindet, ihre Schulden steigen – und sie stürzt sich in Affären. Mit tragischem Ausgang. Bäcker Joubert hat es gleich gesagt! Wie er nicht nur voyeuristisch Gemmas Liebschaften verfolgt, sondern auch eingreift, demonstriert das Abgründige, das hinter der scheinbaren Harmlosigkeit von Simmonds' erzbritischem Tonfall durchschimmert: Ihre verspielten Versionen von Weltliteratur – ihre „Tamara Drewe“ ist eine kontemporäre Variation von Thomas Hardys „Far from the Madding Crowd“ – bereichern nicht nur die pointierten (Charakter-)Zeichnungen, die literarisch anspielungsreichen Texte und satirischen Sozialporträts. Simmonds ist eine Innovatorin der Comic-Form, erzählt aber locker. Vielleicht kommt diese Selbstverständlichkeit daher, dass die 1945 geborene Autorin sich dem widmet, was sie seit ihrer Kindheit liebt: Sie verbrachte viel Zeit in der elterlichen Bibliothek – mit viktorianischen Romanen, US-Comics, Sammelbänden der Satirezeitschrift „Punch“ und Handbüchern für Bauern (heute hilfreich für Hintergrunddetails). Als humoristische Zeitungsillustratorin kam sie 1972 zum „Guardian“, für den sie ab 1977 eine langjährige wöchentliche Comic-Serie zeichnete, in der sie die englische Mittelklasse-Gesellschaft karikierte – also einen Gutteil ihrer eigenen Leserschaft. Diese war begeistert: Mit dem Strip machte sich Simmonds buchstäblich einen Namen – bald nannte man ihre Serie schlicht „Posy“. Auch „Gemma Bovery“ und „Tamara Drewe“ erschienen erst als tägliche Fortsetzungsserien, deren Popularität die „Guardian“-Auflage steigen ließ.


Romanhafte Tiefe. Dabei entwickelte Simmonds einen eigenen Stil, der nur gelegentlich auf die Normalform von Sprechblasen-Comics zurückgreift. Meist kombiniert sie Textblöcke oder reproduzierte Briefe, E-Mails und Zeitungsartikel mit fast dokumentarisch detaillierten Zeichnungen, deren feiner Strich (sacht schwarz-weiß in „Gemma“, mit Farbtupfern bei „Tamara“) soviel Präzision verrät wie ihre treffsichere Selektion von vielsagenden Accessoires, von Einrichtungsgegenständen über Kleidungsstücken bis zu Autos – das sei entscheidend für die Charakterbeschreibung, insistiert Simmonds. Ihre genaue Beobachtungsgabe schult sie bei langen Fahrten im öffentlichen Verkehr. Ihre Comics ziehen daraus eine romanhafte Tiefe, die sogar die Literaturkritikerin der „New York Times“ zu einer Hymne inspirierte. Inzwischen erobern Simmonds-Stoffe auch das Kino: Stephen Frears adaptierte „Tamara Drewe“, 2010 als „Immer Ärger mit Tamara“ verfilmt, so amüsant wie oberflächlich – das Besondere bei Simmonds steckt eben im Wie und nicht im Was der Erzählung.

Sie beschreibt dabei ihre Graphic Novels als Kopfkino: Der Leser baut sich seinen Film, indem er zwischen Text und Bild herumspringt. „Gemma Bovery“ kommt nächste Woche in der Regie der Französin Anne Fontaine ins Kino – die Titelrolle spielt wie schon im „Tamara Drewe“-Film das Ex-Bond-Girl Gemma Arterton. Die Bücher von Posy Simmonds sind auf deutsch bei Reprodukt erschienen. (Je 20 Euro.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2014)