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Ukraine-Konflikt: Und dann zog „Andriy“ in den Krieg

People draped with national flags on their shoulders pose for a photo with armed Ukranian soldiers during a pro-Ukranian meeting in Mariupol
(c) REUTERS (VASILY FEDOSENKO)

Ein 23-Jähriger schildert, wie er als Freiwilliger in den Kampf gegen die Separatisten zog.

Lemberg. Andriy, 23 Jahre, schmächtige Gestalt, wohnt in einer Fleischfabrik. Wobei wohnen zu viel gesagt ist, er schläft dort nur. Morgens um sieben wird Andriy in der Fabrikhalle aufgeweckt, um halb acht findet die Besprechung statt. Wichtige Fragen werden dann geklärt, sagt er. Die wichtigste: Findet heute Krieg statt oder nicht? In jedem Fall ist die Fleischfabrik am Abend gegen acht Uhr wieder Treffpunkt. Andriy und die anderen singen dann die ukrainische Hymne.

Seit Mitte Juli ist Andriy (Name geändert) im Einsatz. Als Ende des Vorjahrs die prowestlichen Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan begannen, war Andriy jeden Tag dort anzutreffen. Und nach Ausbruch der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Freiwilligen und Separatisten in Donezk und Luhansk habe er nicht seelenruhig zu Hause sitzen können, während Menschen starben, erzählt er. Also sprach Andriy in Kiew einen Mann auf der Straße an, der Geld für das Freiwilligenbataillon Ajdar sammelte: „Wo kann ich mich anmelden?“ Am nächsten Tag saß er im Bus in Richtung Donbass. Eine Waffe hatte er nie in der Hand.

Zurzeit befindet sich Andriy wieder in seiner Heimatstadt Lemberg im Westen des Landes, er hat zehn Tage freibekommen vom Krieg. Hier ist zumindest an der Oberfläche von einer Kriegsstimmung nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. Aber in zivilen Verbände und selbst in der Stadtverwaltung und Universität wurde mobil gemacht, Geld gesammelt und bisweilen auch rekrutiert. Eine patriotische Pflicht, wie es allerorts heißt.

 

Kämpfer in Turnschuhen

Als Andriy in Luhansk ankam, wurde er einer Einheit mit 25 Kämpfern zugeteilt. Einige Freiwillige hatten eine ordentliche Ausrüstung mit, andere kämpften in Turnschuhen. Die Kampfausrüstung ist meist ohnehin gespendet. „Es gibt Kämpfer, die tragen die Uniform der deutschen Bundeswehr“, sagt Andriy. Und statt Kriegsfahrzeugen werden gewöhnliche Autos verwendet.

Die Gegner seien da freilich besser ausgestattet – für Andriy ein Hinweis, dass er gegen russische Spezialeinheiten kämpft. Ukrainische Separatisten gebe es in Luhansk kaum mehr – entweder tot oder geflüchtet.

Rund 30 Freiwilligenbataillone kämpfen Schätzungen zufolge gegen Separatisten in der Ukraine. In den vergangenen Tagen hat besonders Ajdar von sich Reden gemacht: Amnesty International wirft dem Bataillon Kriegsverbrechen vor. Mitglieder hätten nicht nur Separatisten, sondern auch Bewohner der Region misshandelt, erpresst, gefoltert oder hingerichtet. Formell ist Ajdar der Nationalgarde unterstellt, tatsächlich dürften aber kaum Kontrollen stattfinden. Premier Arsenij Jazenjuk hat eine Überprüfung der Vorwürfe angekündigt.

An solchen Aktionen habe sich Andriy nicht beteiligt, gesehen habe er sie auch nicht. Aber er hat eine Meinung dazu: „Es ist Krieg“, sagt er. Wenn man von „den Russen“ Informationen brauche, sie diese aber nicht geben, dann wende man eben Zwangsmaßnahmen an. Einmal hätten sie einen Kosaken gefangen, der Botendienste für die Separatisten erledigt habe. „Am Anfang hat er das nicht zugegeben, erst später“, sagt Andriy. „Dann haben wir ihn dem Kommandanten übergeben.“ Was aus ihm wurde, wisse er nicht.

Die Kommandierenden sind meist Afghanistan- oder Jugoslawien-Veteranen. Von ihnen haben Freiwillige wie Andriy innerhalb weniger Tage gelernt, wie man mit Munition umzugehen hat. Auch Frauen hätten sich gemeldet: „Einige kämpfen besser als Männer.“ Einen Kontakt mit den regulären Streitkräften gebe es kaum, die Freiwilligen scheinen auch keine hohe Meinung von der Armee zu haben. Vor Kämpfen seien die Soldaten weggerannt, die Armee sei von den Russen infiltriert worden, so Andriy.

Die seit einigen Tagen geltende Waffenruhe sei eine Farce. Geschossen wird weiterhin. Die Separatisten sind ebenfalls in Verbände gegliedert, je nach Herkunft oder Interessen. Da sind russisch-orthodoxe Kämpfer, andere nennen sich Nationalbolschewiken.

Natürlich müsse er damit leben, dass die Kugel von einem dieser Kämpfer auch ihn treffen könne, sagt Andriy. Es habe Zeiten gegeben, da hätten sie aus seiner Einheit zwei bis drei Kämpfer täglich beerdigt. Zurück nach Luhansk werde er trotzdem gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2014)