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Wende: Kammer für Sonntagsöffnung

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wiens neuer Wirtschaftskammer-Präsident Ruck will die Ladenöffnung in einer Tourismuszone sonntags freigeben. Zuvor sollen aber die Betriebe abstimmen.

Wien. Es tut sich doch noch etwas am Sonntag. Lange schien in Stein gemeißelt, dass Geschäfte in Wien sonntags geschlossen bleiben. Touristen hin oder her. Bis auf ein paar Rebellen – einige wenige Händler, die Hoteliers oder Wiens Tourismus-Direktor, Norbert Kettner, die sich immer wieder für eine Freigabe in einer Tourismuszone einsetzten – blieben Kammer, Gewerkschaft und Politik in Wien dabei: Am Sonntag bleiben die Geschäfte zu.

Nun überrascht die Wiener Wirtschaftskammer – in Person ihres neuen Präsidenten Walter Ruck – mit einem neuen Vorstoß: Er „empfiehlt“ offiziell eine Tourismuszone, wie es sie in anderen Tourismusregionen Österreichs längst gibt, auch für Wien. Das sei das Ergebnis einer Arbeitsgruppe aus Vertretern des Handels, Tourismus und Gewerbes, die sich einstimmig für eine solche Zone – oder mehrere Zonen – ausgesprochen habe. Denkbar wäre die Tourismuszone freilich vor allem in der Innenstadt, aber auch im Bereich von Schönbrunn oder in der unteren Mariahilfer Straße.

Bevor die Wirtschaftskammer aber einen konkreten Vorschlag in Verhandlungen einbringt, will sie sämtliche Wiener Mitglieder, also nicht nur Händler und Tourismusbetriebe, in einer „Urbefragung“ über das Thema entscheiden lassen. Diese Befragung soll in den kommenden Wochen starten.

 

Shopping sei „Butter aufs Brot“

Und es scheint, als renne Ruck in der Kammer mit diesem Vorstoß offene Türen ein. Zumindest, wenn es um die Tourismusbranche geht. Prompte Unterstützung kam am Montag von der Fachgruppe Hotellerie der Wirtschaftskammer, von der Fachgruppe Reisebüros, sowie von der Gesamtsparte Tourismus und Freizeitwirtschaft. Denn, damit die Zahl der Gäste in Wien weiter steigt, müsse die Stadt noch attraktiver werden, befand Josef Bitzinger, der Obmann der Tourismussparte, „und Shopping gehört für den internationalen Touristen dazu wie Butter aufs Brot“. Ähnlich der Tenor der Hoteliers: Schließlich war es seit Jahren ein Kritikpunkt der Gäste, dass die Geschäfte der Innenstadt, anders als in den großen Tourismusmetropolen Europas, geschlossen bleiben, heißt es von Andrea Feldbacher von der Hotelierssparte der Wirtschaftskammer. Michaela Reitterer, die Sprecherin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), sieht damit eine jahrelange ÖHV-Forderung unterstützt, hat aber Bedenken bezüglich der Umsetzung: „Für neue Arbeitsplätze brauchen wir Rahmenbedingungen. Davon muss Walter Ruck jetzt Stadt und Gewerkschaft überzeugen“, hofft sie. Sie bleibt jedenfalls kritisch: „Die Debatte hat mehr von Wahlkampf-Atmosphäre, à la ultimative Richtungsentscheidung, Modernisierung oder Stillstand.“

Und, die Gegner sind nicht weit: Der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband Wien (SWV) hat erst jüngst eine Umfrage vorgelegt, derzufolge sich eine Mehrheit der Händler gegen eine Sonntagsöffnung aussprechen würde. „Die Wirtschaftskammer weigert sich, den Willen der Händler anzuerkennen“, kritisiert SWV-Direktor Peko Baxant nun. Und auch die Gastronomen – deren Fachgruppe in der Wiener Wirtschaftskammer ebenfalls rot geführt ist – zeigt sich skeptisch. Obmann Willy Turecek reagiert mit „völligem Unverständnis“, auch, weil man nie zu Gesprächen dazu eingeladen worden sei. Ähnlich reagiert die Gewerkschaft: Manfred Wolf von der GPA will einen konkreten Vorschlag sehen, denn „bisher überzeugen mich die Argumente nicht“, so Wolf.

 

Abwarten im Rathaus

Ein konkretes Konzept der Kammer will auch Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) abwarten. Er wäre es, der eine solche Tourismuszone per Sonderverordnung genehmigen könnte. Gegen eine generelle Sonntagsöffnung in Wien hatte sich Häupl stets ausgesprochen, und auch, wenn es um eine kleinere Zone geht, wolle er erst abwarten, bis man in der Wirtschaftskammer einig sei, was man will, so ein Sprecher. Dann „können wir über alles reden“.

Gesprächen verschließen wolle sich auch Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner (SPÖ) nicht. Ein Sprecher verweist aber darauf, dass man derzeit für „flexible Lösungen“ eintrete, also für eine anlassbezogene Sonntagsöffnung, wie sie für die Zeit um den Songcontest geplant ist. (cim)

AUF EINEN BLICK

Sonntags offen? Nach jahrelangem politischen Konsens darüber, dass Wiens Geschäfte sonntags geschlossen bleiben müssen, überrascht Wiens neuer Wirtschaftskammer-Chef Walter Ruck mit der „Empfehlung“, die Sonntagsöffnung in einer oder mehreren Tourismuszonen zu erlauben. Unterstützung kommt von Hoteliers, Tourismusbetrieben und dem Handel. Die Gewerkschaft, Gastronomen und der sozialdemokratische Wirtschaftsverband reagieren skeptisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2014)