John R. Searle über Berkeley in den Sechzigerjahren, kryptische Franzosen und das Wunder Sprache.
Wie sehen die Sechzigerjahre retrospektiv für einen renommierten Denker aus, der sich damals für das „Free Speech Movement“ eingesetzt hat? John R. Searle, seit 1959 Professor für Philosophie an der Universität Berkeley, unterscheidet zwei Phasen: „Zuerst gab es die Bewegung für Bürgerrechte, an der Berkeley beteiligt war. Wir waren friedfertig. Später aber kam die Anti-Vietnam-Phase, die war gewalttätig, radikal und hysterisch. Ich war für die Bürgerrechte, aber nicht für den zweiten Teil“, sagte er am Donnerstag in einem Gespräch mit der Presse. Searle hielt am Abend auf Einladung der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Wiener Universität einen Vortrag über „Social Ontologie and Language“.
In Europa sei die Studentenbewegung später entstanden als in den USA. „1968 hat hier noch einen sentimentalen Klang. In Berkeley war das Ganze damals schon vorbei. Positiv war sicher, dass Institutionen aufgerüttelt wurden, dass die Gesellschaft offener wurde, doch die Theorien damals waren eher schwach oder dumm.“
„Wir haben auf Wittgenstein reagiert“
Und heute? „Es überrascht mich das ungeheure Wachstum an Wissen.“ Auch die Offenheit sei von Vorteil. „In Frankreich ist ein Jude Präsident, dessen Sexleben allgemein diskutiert wird. Das ist doch eine wesentliche Veränderung.“ Was ist mit den intellektuellen Helden von einst? Wer war für ihn damals das Vorbild? Searle: „Für die Philosophie war das Wittgenstein.“ Der frühe oder der späte? „Wittgensteins Tractatus ist ein brillantes Werk, doch hat er selbst eingesehen, dass es auf falschen Vorgaben fußt. Wir haben jedenfalls auf ihn reagiert. Zudem habe ich persönlich die Gesellschaft der Sechzigerjahre reflektieren müssen. Aber hat es etwas genutzt? Die Universitäten und Bürokratien sind unverwüstlich. Wir konnten sie für ein paar Tage aufhalten, aber sie sind wieder zurückgekommen.“
Die Situation der Studenten von heute sei viel gesünder. „In den Sechzigerjahren gab es so viele Ablenkungen vom Studium, so viele infantile Theorien über den sozialen Wandel.“ Wunderbar sei es aber, dass sich seit damals die Stellung der Frau verbesserte. „Wir nähern uns der Gleichberechtigung.“
Derrida? Bullshit!
Für die französische Postmoderne hat der Philosoph keine Sympathie. „Mit Michel Foucault habe ich einmal über seine dekonstruktivistischen Kollegen gesprochen. Er nannte das, was Jacques Derrida macht, obskuranten Terrorismus. Ein böser Spruch besagte: Derrida is someone who gives bullshit a bad name. Als ich Foucault darauf ansprach, dass auch er recht verschlüsselt schreibe, sagte er, dass gehe in Frankreich nicht anders, man gelte sonst als kindisch. Zumindest zehn Prozent eines Werkes müssten unverständlich sein. Pierre Bourdieu meinte darauf, es seien wesentlich mehr als zehn Prozent.“ In den USA zählt Searle vor allem postmoderne Kritiker zu seinen Gegnern: „Die ganze Yale-Gruppe meine ich damit, die sind auch obskurant, irrational und unintelligent.“
Welches seiner eigenen Werke hält er für dauerhaft? „Am schwersten habe ich mir mit Intentionalität (1983) getan, das war viel härter für mich als Sprechakte (1969), das von vielen noch heute für das wichtigste gehalten wird. Doch wahrscheinlich wird es Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit (1995) sein.“
Searle arbeitet an einer Ontologie sozialer Phänomene. Sein Ziel ist es zu verstehen, wie Fakten von menschlicher Anerkennung abhängig sein können. Diese Wirklichkeit umkreiste er auch bei seinem Vortrag in Wien. „Es gibt ein erstaunliches Paradox in der Gesellschaft, Geld oder Universitäten sind nur deshalb Fakten, weil wir daran glauben. Es gibt ein einziges einigendes Prinzip der menschlichen Gesellschaft, ich habe das schon in ,Sprechakte‘ geschrieben.“ Die Sprache also. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es eine sehr beschränkte Zahl von Sprechakten gibt. Ich komme auf fünf.“
Eine Antwort auf Wilsons Soziobiologie
Der Sprachphilosoph, der sich auch mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzte und sich um eine allgemeine Theorie des Bewusstseins bemüht, wagt sich in das Gebiet der Soziobiologie, das der Biologe und Philosoph E. O. Wilson vor Jahrzehnten begründet hat. „Ich will eine Antwort auf Wilson geben und ergründen, was den Menschen von den anderen Lebewesen unterscheidet.“ Auf Wilson sei von der Soziologie heftig und äußerst aggressiv reagiert worden. „Die Soziologen haben bisher die Sprache ganz einfach vorausgesetzt, aber sie müssten verstehen, dass die Gesellschaft von der Sprache abhängig ist.“
Und was liest Searle, wenn er nicht gerade selbst philosophiert? Welche neueren Bücher, die interessante Perspektiven bieten, empfiehlt er Wissbegierigen? „Fear of Knowledge: Against Relativism and Constructivism (2006) von Paul A. Boghossian oder A Secular Age (2007) von Charles Taylor, eine Geschichte unserer Weltsicht.“ Taylor sei zwar sehr katholisch, aber es sei dennoch sehr lehrreich, sich mit diesem Denker auseinanderzusetzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2008)