Medientage: Lobo fordert „Ethik der Vernetzung“

�STERREICHISCHE MEDIENTAGE 2014 IN WIEN: LOBO
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Internetexperte Sascha Lobo kritisiert „Plattformkapitalismus“, der User belauere und beeinflusse: „Werbung hat sich in eine Überwachungsdisziplin verwandelt.“

Sascha Lobo ist bekehrt: Der einst glühende Verteidiger des Internets zeichnete auch bei den Medientagen in Wien sein düsteres Bild eines vernetzten „Plattformkapitalismus“, der statt mehr Freiheit für den User ein Mehr an Überwachung, Kontrolle und Beeinflussung der Kunden bringe. Die Online-Gesellschaft brauche eine neue „Ethik der Vernetzung“, forderte Deutschlands bekanntester Blogger daher in seiner Keynote, in der er seine Diagnose wiederholte: Das Internet sei „kaputt“.

Die User würden von den Unternehmen im Web belauert wie die Maus von der Katze. So wie diese jede Fluchtbewegung ihres Opfers antizipiert, arbeite das Netz daran, jeden Schritt des Users vorauszusehen und zu kontrollieren. Dies sei der eigentliche Mehrwert in der Netzökonomie. Möglich werde das durch exzessives Sammeln von Daten, bei dem „Patterns of Life“ („Lebensmuster“) der User und Konsumdaten gesammelt würden: „Ich fürchte, Werbung hat sich in eine Überwachungsdisziplin verwandelt“, meinte der Exwerber mit dem markanten Irokesenhaarschnitt. Der jüngste Schritt sei die Beeinflussung des Userverhaltens – etwa, indem die elektrische Zahnbürste permanent mit einer App verbunden ist. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Krankenkassen auf die Idee kommen, ihren Tarif nach der so überwachten Häufigkeit des Zähneputzens zu staffeln, glaubt er. Neue Tools wie die Apple Watch würden diese unheilvolle Entwicklung vorantreiben: „Ich werde mir die Apple Watch natürlich auch kaufen, denn sie ist total toll und teuer“, sagte Lobo. „Aber ich möchte eine solche Uhr benutzen können, weil ich sie für eine tolle Erfindung halte, ohne Angst zu haben, dass meine Krankenkasse drei Tage später sagt: ,Sie sind aber ganz schön träge. Wir erhöhen mal den Tarif.‘“

Österreichs Medienvertreter plagen derweil andere Sorgen. Druck auf die traditionellen Geschäftsmodelle ortete „Standard“-Vorstand Alexander Mitteräcker: „Ich weiß nicht, ob die Verlagsbranche derzeit auf der Gewinnerseite ist.“ Erodierende Werbeeinnahmen müssten durch neue Entwicklungen und Einnahmen ersetzt werden. Max Dasch junior („Salzburger Nachrichten“) sieht noch keine Erholung: „Die wirtschaftliche Flaute hält an.“

 

Der Druck ist „enorm“

Uschi Pöttler-Fellner („Bundesländerinnen“) meinte, der wirtschaftliche Druck sei „enorm geworden“: „Die Vermischung zwischen Redaktionellem und Werbung nimmt zu. Es wird immer schwieriger, die Grenze zu halten.“ Kritischer Journalismus habe es immer schwerer.

Kritik gab es auch an der Presseförderung. Sie sei „wettbewerbsverzerrend“, meinte Harald Knabl („NÖN“). „Wir werden im Kreis geschickt, und am Ende wird es immer weniger“, monierte Hermann Petz (Moser Holding), der sich für eine Erhöhung der Medienförderung auf 50 Mio. Euro pro Jahr aussprach. Hauptkriterium für die Vergabe solle die Anzahl angestellter Journalisten sein. (APA/i.w.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2014)


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