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Liessmanns Protest gegen das Kompetenz-Abrakadabra

Eine denkwürdige Schrift, die die Kompetenzfetischisten in unseren Schulen und Universitäten als Verräter der Bildung entlarvt.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ vom vergangenen Dienstag kündigte den Artikel auf der ersten Seite mit einem großen Bild an, und tatsächlich handelte es sich bei diesem Beitrag um einen glutvollen Aufruf, der berechtigt eine ganze Seite füllend auf „eine der radikalsten Veränderungen an Schulen und Universitäten“ hinwies, die gleichsam gespenstisch, aber deshalb nicht weniger wirksam die Bildungseinrichtungen durchdringt: Die Rede ist von Konrad Paul Liessmanns Protest gegen das Kompetenz-Abrakadabra der selbst ernannten Bildungsexperten.

Gegen Kompetenz als Begriff ist nichts einzuwenden. Wir wünschen uns kompetente junge Menschen. Doch sobald Theoretiker der Didaktik dieses Wort in den Mund nehmen, verbinden sie damit ein Programm, das zwar verführerisch gut klingt, aber in Wahrheit schnurstracks in den Orkus der Unbildung, gar schlimmer noch: der Halbbildung führt. Denn, so behaupten die Kompetenzfetischisten, all das sei hinfällig, was man in alter Tradition glaubte, lehren und vermitteln zu müssen. Das sei doch bloß totes Wissen. Das sei in der modernen Schule und Universität nicht mehr gefragt. Vielmehr gelte es, „brauchbare Fähigkeiten zu erwerben“, und das Ziel der kompetenzorientierten Schulung sei „der umfassend kompetent gewordene Mensch, der mit Fähigkeiten ausgestattet ist, die es ihm angeblich erlauben, in jeder Situation die angemessenen Entscheidungen zu treffen“.

Was nützt dir Wissen, fragt der Kompetenzfetischist, wenn du vor Problemen stehst? Ich biete dir Besseres an, behauptet er vollmundig, nämlich Probleme als Herausforderungen zu begreifen und diese zu bewältigen.

Als Fußnote zu Liessmanns denkwürdiger Schrift sei angemerkt: Entmündigung und Hybris laufen mit diesem Kompetenzgerede einher.

Entmündigung, weil man es ablehnt, Wissen bloß zu vermitteln, und denjenigen, die es in sich aufnehmen, nicht zutraut, damit in eigener Verantwortung umzugehen. Vielmehr möchte man Handlungsschemata so aufzwingen, dass die Opfer der kompetenzorientierten Schulung normgemäß agieren. Und der Unzahl von Situationen, bei denen korrektes Reagieren gefragt ist, entspricht eine Legion verschiedenster Kompetenzen. „Der für die Schweiz vorgelegte Lehrplan 21 brachte es für die Grundschule angeblich auf 4500 Kompetenzen, die entwickelt, geübt, getestet, überprüft und angewandt werden sollen.“


Hybris, weil die Kompetenzfetischisten an die universelle Lösbarkeit aller Probleme glauben, die sich scheinbar ergibt, wenn man „Kompetenzorientierungskompetenz“ (sic!) entwickelt. Etwas, was die Propagandisten der Kompetenz naturgemäß für sich in Anspruch nehmen.

Und ich armer Tor lehre noch als wie zuvor. Eine Sünde gegen die kompetenzorientierte Lehre begehe ich nach der anderen. Studentinnen und Studenten der Elektrotechnik lernen von mir Mathematik, und wenn das Wort Limes in der Vorlesung fällt, erzähle ich den künftigen Ingenieuren vom Hadrianswall (der am heutigen Tag vielleicht an Höhe gewinnt; dass ich solides Wissen um den Limes im mathematischen Kontext ausführlich lehre, versteht sich ja von selbst.)

Wie darf ich mir solche Exzesse erlauben, hat doch das Wissen um die Herkunft des Wortes, ein Exkurs in die römische Geschichte mit der zu erzielenden mathematischen Kompetenz nicht das Geringste zu tun?

Vielleicht könnte ich mich mit einer Art Transferkompetenz schamhaft entschuldigen – aber damit komme ich bei den strengen Kompetenzfetischisten auch nicht durch, denn nie werde ich die mir Anvertrauten darüber befragen. Das gehört zu keinem Test. Ich vermittle es einfach als Aperçu, nicht mehr.

Vielleicht käme ich mit einer Rüge davon, wenn ich es nur einmal täte. Aber ich bin Wiederholungstäter. Weil ich daran glaube, dass wertvolles Wissen ein Kleinod ist. Und weil ich die Kompetenzfetischisten als Verräter der Bildung verachte.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien. Taschner bezieht sich hier auf das Buch von Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Zsolnay-Verlag. Das Buch wird am 29. September offiziell präsentiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2014)