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Russischer Minister: „Wir hoffen, dass die Vernunft siegt“

(c) imago/ITAR-TASS (imago stock&people)
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Sanktionen und fallende Ölpreise bedrohen den Energiesektor. Worauf wir uns einstellen müssen, erklärt der russische Energieminister Alexander Nowak im Gespräch.

Die Presse: Man weiß gar nicht, wo man beginnen soll. Beim Öl verfällt der Preis, Sanktionen bestehen. Auf dem Gassektor lasten alle möglichen Verwerfungen mit Moskau. Beunruhigt Sie Öl mehr oder Gas?

Alexander Nowak: Ich würde nicht von „beunruhigen“ sprechen. Für uns sind beide Sektoren die wichtigsten Einnahmequellen. Öl ist ein Marktprodukt. Deshalb wirft es weniger Fragen als der Gassektor auf.

Bleiben wir vorerst beim Öl: Was hat Ihr dieswöchiges Treffen mit der Opec in Wien ergeben?

Einen Austausch über die Bewertung der Situation. Langfristig werden Nachfrage und Angebot ausgewogen sein, wobei ein leichtes Überangebot möglich ist. Wir sind mit Herrn El-Badri (Opec-Generalsekretär) einig, dass der Preisverfall seit Juli Konjunktur- und Spekulationscharakter hat. Natürlich spielen auch die Schieferölförderung in den USA und die Verlangsamung beim Wirtschaftswachstum eine Rolle – auch in China.

Sie sagen „auch eine Rolle“. Es sind wohl die Hauptfaktoren.

Deshalb habe ich sie auch als Erstes genannt. Bis Jahresende wird der Ölpreis im Bereich von 100 Dollar je Barrel sein. Schon zwei Jahre pendelt er ja zwischen 90 und 110 Dollar. Das wird bleiben. Dass wir jetzt unter 100 Dollar liegen, ist keine Tragödie. Unserem Staatsbudget liegt eine Preisannahme von 96 Dollar zugrunde.

Also keine Beunruhigung?

Uns beunruhigt der jähe Preisverfall. Aber wir sehen keine besonderen objektiven Bedingungen dafür, dass der Preis unter 90 Dollar fällt.

Die Bank of America Merrill Lynch will, dass Saudiarabien den Ölpreis auf 85 Dollar abfallen lässt, um den Islamisten und auch Russland zu schaden. Erinnert Sie das an das Ende der 1980er-Jahre, als ein koordinierter Ölpreisverfall zum Ende der Sowjetunion geführt hat?

Solche Gespräche sind Vorschläge, keine Maßnahmen. Ich glaube nicht, dass die Opec an sehr niedrigen Preisen interessiert ist, bei denen die Hälfte des Öls nicht mehr rentabel gefördert werden kann.

Ex-BP-Chef Tony Hayward sagte dieser Tage, dass man schon bald einen Ölpreis von 150 Dollar sehen werde, weil es wegen der Sanktionen zu Lieferengpässen aus Russland kommen werde. Eine Panik der anderen Art?

Also ich sehe die Voraussetzungen für einen solchen Preisanstieg nicht. Auch wir wollen keine solchen Preisausschläge nach oben. Denn sie sind verführerisch, sodass man sofort die Budgetausgaben erhöht, und wenn der Preis wieder fällt, ist es schmerzhaft.

Hayward hin oder her. Wie sieht es mit den Öllieferungen aus Russland tatsächlich aus?

Heuer wird um vier bis viereinhalb Prozent weniger exportiert werden. Das hat aber damit zu tun, dass im Inland mehr verarbeitet wird. Wenn die Modernisierung der Raffinerien abgeschlossen ist, wird wieder mehr Öl für den Export bleiben.

Können die westlichen Sanktionen bei Fördertechnik bald zu Förderproblemen führen?

Wir diskutieren die Situation mit den Konzernen. Aber sie selbst können derzeit nicht klar sagen, welche Risken ihnen entstehen. Wir müssen warten, wie unsere ausländischen Partnerunternehmen die Sanktionen auslegen. Alle sagen, sie wollen bleiben. Vielleicht wollen manche die Sanktionen einfach umgehen.

Vergangene Woche hat Gazprom weniger Gas nach Europa geliefert – ohne Erklärungen. Welches Spiel wird da gespielt?

Die Interpretation ist nicht richtig. Es wurde in diesen Tagen mehr bestellt als gewöhnlich, und Gazprom hat die höhere Nachfrage nicht ganz bedient.

Es wurde so aufgefasst, dass Gazprom Europa warnen will, russisches Gas in die Ukraine zu reexportieren.

Ich denke nicht, dass hier ein Spiel gespielt wird. Gazprom hat gleichzeitig die Speicher in Russland gefüllt.

Können Sie ausschließen, dass Russland den Reexport im Winter verhindern will, indem es einfach weniger Gas liefert?

Ja, das ist ausgeschlossen.

Über allem schwebt die Frage, ob Sie sich mit der Ukraine einigen. Seit Juni wird sie ja nicht beliefert, weil sie ihre Schulden nicht bezahlt.

Wir haben ein Treffen unter EU-Beteiligung für nächste Woche vorgeschlagen.

Sprechen Sie mit dem ukrainischen Energieminister, Juri Prodan, auch direkt?

Wir telefonieren oft.

Das ist interessant: Sie haben einen guten Kontakt, aber in der Sache geht nichts weiter?

In der konkreten Frage erhält mein Kollege politische Vorgaben. Die Lösung hängt von anderen Leuten ab. Die Angelegenheit ist weitaus komplizierter: Da sind die Regierung, das ukrainische Parlament und der Präsident.

Sie wollen sagen, irgendjemand in der Ukraine bremst?

Prodan führt die Verhandlungen, aber wir wissen nicht, wer einsagt.

Jedenfalls gibt es keinen Fortschritt. Was wollen Sie denn nun vorschlagen?

Die Ukraine hat 5,3 Mrd. Dollar Gasschulden. Wir sind bereit, die Schulden nicht auf einmal einzufordern. Für den Anfang muss sie 1,451 Mrd. Dollar für November, Dezember zahlen. Die Schulden seit April können wir ausgehend von den Rabatten, die wir anbieten, neu berechnen, wenn die Ukraine unserem Preisvorschlag zustimmt – und zwar statt 485Dollar je 1000 Kubikmeter circa 385 Dollar. Gazprom würde der Ukraine damit 780 Mio. Dollar an Schulden nachlassen.

Wird man sich einigen?

Schwer zu sagen. Die Situation ist schwieriger als im Frühjahr. Der Winter steht vor der Tür, Gas muss eingelagert werden. Und wir sind juristisch in einem anderen Status, Gazprom und Naftogaz (die ukrainische Gasgesellschaft, Anm.) haben Klage vor dem Schiedsgericht in Stockholm eingebracht.

Was kann im Extremfall passieren?

Wir hoffen, dass die Vernunft siegt und es zu einer Einigung kommt. Wenn die Ukraine die Lieferungen im Winter nicht gewährleisten will, gibt es zwei Szenarien: Einschränkungen für ukrainische Konsumenten...

...weil Moskau dann nicht mehr liefert?

Natürlich, wenn nicht gezahlt wird. Die zweite Variante ist, dass die Ukraine das für Europa bestimmte Transitgas anzapft.

Dann könnte Russland den Hahn auch für das Transitgas nach Europa zudrehen?

Das ist so kein Thema bei Gazprom. Wir wollen Europa vertragsgemäß beliefern.

Auch wenn die Ukraine Gas stiehlt?

Dann ist die Frage, wie viel hinter der Ukraine in Europa aus den Pipelines kommt. An sehr kalten Tagen könnte das ganze Gas abgezapft werden und Europa ohne Gas zurückbleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2014)