Bedrohlicher Umbruch für zarte Dichterseelen

Gedruckte Lyrik war bisher eine der letzten Bastionen gegen die Digitalisierung. Wird sich auch das ändern?

Im Kampf der Titanen zwischen den gedruckten und den elektronischen Büchern um die Vorherrschaft in der Literatur gab es Nischen, welche ich uneinnehmbar für die Newcomer hielt. Man kann Börsenberichte auf dem Bildschirm lesen, Zeitungen und vor allem auch ganz dicke Romane, die empfindliche Sehnenscheiden entzünden. Aber Lyrik? Nein!

Dachten wir vom Klub der zarten Dichter im Salon des Gegengiftes. Jetzt aber hören wir (woher sonst als aus den USA?), dass Gedichtbände als E-Books unglaubliche Steigerungsraten erzielen. Noch vor sieben Jahren publizierten die Verlage dort nur 200elektronische Bände mit Poemen. 2013 waren es bereits zehnmal so viel. Bei insgesamt 10.000 Lyrik-Büchern ist das wirklich eine beachtliche Zahl.

Den Fetischisten unseres Salons, die Kleinformen lieben, kommt dieser Traditionsbruch bedrohlich vor. Zum „Buch der Lieder“ zum Beispiel habe ich eine äußerst haptische Beziehung. Der rote Einband aus Leinen ist schon fleckig, die Seiten sind zerlesen, sogar zarte Randnotizen mit Bleistift habe ich mir erlaubt. Aber das gehört zu meinem privaten Heinrich Heine. Der Prozess der papierenen Einverleibung dauert hoffentlich noch lang an.

Viele versierte Leser dachten bisher optimistisch, die physische Beziehung zur auf schönem, duftenden Papier gedruckten Lyrik werde auch der Grund dafür sein, dass wir die größten Dichter niemals profaner Pixel-Form auf Tablets preisgeben werden. Aber die Verleger jenseits des Atlantiks meinen den Hauptgrund für die Reste digitaler Verweigerung woanders gefunden zu haben: Es seien die Zeilenbrüche, die das elektronische Geschäft mit Gedichten stören. Ändert man die Schriftgröße, ändert sich zuweilen auch der Vers. Das ist sündhaft in einem Metier, dem es besonders auch um Form geht. In meiner Ausgabe der Werke von Goethe zum Beispiel steht:

„Sah ein Knab ein Röslein stehn,“
Jeder sensible Mensch wird zugeben, dass es barbarisch wäre, stünde dort:

„Sah ein Knab ein Röslein

stehn,“...

Nein, ich will's nicht leiden – das nur durch gefühllose Technik erzwungene Enjambement, diese sprunghafte Verstümmelung. Maßgeblich als letzte Einheit für den Rhythmus ist die Zeile, da muss man so genau sein wie der wehrhafte Walt Whitman.

Verleger von Lyrik wissen um die Probleme der Formatierung. Viele von ihnen haben inzwischen Programmierer engagiert, die ungewollte Umbrüche verhindern sollen. Seither erleben tote Dichter wie Pablo Neruda oder William Carlos Williams angeblich eine elektronische Auferstehung. Für mich ist das jedoch aus Pietätsgründen noch keine Option, selbst wenn es tröstlich scheint, dass in der U-Bahn künftig statt gedruckter Gratisfetzen Satiren von Horaz auf Smartphones gelesen werden könnten.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2014)

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