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„Wir haben die einmalige Chance, die Union neu zu denken und zu gestalten“

Symbolbild Abspaltung Schottland GER 20140917 Symbolbild Abspaltung Schottland
Symbolbild Abspaltung Schottland GER 20140917 Symbolbild Abspaltung Schottland(c) imago/Gerhard Leber (imago stock&people)
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Camerons Exberater Phillip Blond glaubt, Schottlands Unabhängigkeit sei für Generationen vom Tisch.

Die Presse: Hat Sie das doch sehr deutliche Resultat überrascht?

Philipp Blond: Nein, ich sagte einen Sieg des Nein-Lagers von acht bis zehn Prozentpunkten vorher.

 

Warum haben Sie das erwartet?

Das Ja-Lager konnte den Beweis für die Unabhängigkeit nicht erbringen. Schließlich wird jeder einräumen müssen, dass es keine erfolgreiche geteilte Insel auf der Welt gibt: Zypern, Irland, Haiti – das sind keine guten Beispiele.

Gab es auch in letzter Sekunde ein Gefühl der Zusammengehörigkeit?

Das ist möglich. Immerhin ist Großbritannien die stabilste politische Einheit, die wir kennen. Wir haben den Faschismus ebenso besiegt wie den Totalitarismus. Wir haben vielleicht die großartigste Erbschaft des gesamten Westens. Warum sollte man sie kaputtmachen?

Nicht alle sehen das so.

Worin ich mit dem Ja-Lager übereinstimme, ist, dass wir in den vergangenen 30–40 Jahren eine Politik betrieben haben, die allein dem Zentrum, den Wohlhabenden und den Mächtigen genützt hat. Es gibt viel Verzweiflung im Norden Englands und in weiten Teilen Schottlands. Die Politik dient nur mehr den Eliten, und das Angebot der Linken und Rechten ist unzureichend. Wir sehen das überall in Europa, wo Populisten, Nationalisten und Demagogen im Aufwind sind. Wenn die etablierten Parteien keinen Neuanfang finden, besteht die Gefahr, dass die Europäer faschistische Parteien wählen.

 

Auch in Großbritannien?

Die Abstimmung war Gott sei Dank eine Absage an den Extremismus. Aber die Aufgabe für alle Parteien ist es jetzt, einen radikalen Kurswechsel vorzunehmen und eine neue Kultur zu entwickeln, die sich wieder um die Mehrheit bemüht, nicht nur um ihre Klientel. Die gegenwärtige Politik dient einer selbstzufriedenen und korrupten Elite.

Könnte da die Volksabstimmung so etwas wie ein Weckruf gewesen sein?

Sicher. Ich hatte aber auf ein engeres Ergebnis gehofft, es hätte mehr Druck für Veränderung erzeugt. Der Status quo ist unhaltbar.

Ist die Frage der Unabhängigkeit Schottlands nun vom Tisch? Und für wie lang?

Sicher für Generationen. Wir haben nun die einmalige Chance, die Union neu zu denken und zu gestalten. Wenn wir das richtig machen, wird der Lohn umso höher sein: eine gerechtere, fairere, offenere und nicht londonzentrierte Gesellschaft.

Wird der Ausgang des Referendums auch einen Einfluss auf die Haltung zu Europa haben?

Wenn wir den Separatismus zu Hause besiegen können, dann können wir ihn auch außerhalb bezwingen. Wir können eine positive Führungsrolle in Europa übernehmen, sicherheitspolitisch ebenso wie wirtschaftlich. Wir sind das einzige Gegengewicht zu Deutschland – und umgekehrt. Es ist möglich, eine proeuropäische, patriotische Kampagne in Großbritannien zu fahren. Die UKIP wird nicht gewinnen.

Gibt es Verlierer des Referendums?

Heute sind wir alle Sieger.

Würden Sie Premier Cameron empfehlen, an seinen Plänen zu einer EU-Volksabstimmung 2017 festzuhalten?

Ich glaube, es ist sehr unwahrscheinlich, dass es nach der Wahl im Mai 2015 eine konservative Regierung geben wird. In diesem Fall wird es kein Referendum geben. Wenn Cameron weiterregiert und eine patriotische Kampagne führt, die den Menschen zeigt, was Großbritannien ist und dass unser Platz in Europa ist, dann ist das absolut gewinnbar.

ZUR PERSON

Phillip Blond. Der 48-jährige Philosoph, Erfinder der Philosophie der „Big Society“ und Leiter des Londoner Thinktanks Res Publica, gilt als Vordenker eines modernen Konservatismus, der auch beträchtlichen Einfluss auf Premier David Cameron ausgeübt hat. Er hatte zuvor das „Progressive Conservatism Project“ der Londoner Denkfabrik Demos geleitet, ehe er wegen politischer und philosophischer Differenzen ausschied.

 >> Diskutieren Sie mit im Themenforum zum Schottland-Referendum

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2014)