EM am Sand: Wiens inoffizielle Fanmeile

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Schweiz hat es vorgemacht und die Strandbar Herrmann zur ihrem Wiener Euro-Lager gekürt. Auch sonst spricht viel dafür, dass der Donaukanal zur Fanzone am Wasser wird. Nicht ganz ohne Risiko.

Es ist eine Kombination, die Fotografen lächeln lässt: Wiener Innenstadt-Panorama, Sand und diese Liegestühle mit Schweizerkreuz – mehr „Feel-good-EM-Stimmung“ als in der Strandbar Herrmann bekommt derzeit man nicht aufs Bild. Schon gar nichtvorAnpfiff.

Wobei: Eigentlich nur dann. Denn das Bild hat einen Knick. Sobald das große EM-Kino (der LED-Schirm hat zirka drei Meter Diagonale) beginnt, müssen die ach so netten Liegestühle durch Schweizer Armeedecken ersetzt werden, weil sich Stühle nicht fix im Sand verankern lassen. „Die Sicherheit“, sagt Co-Betreiber Rudi Konar, „da kann man nichts machen.“ Es ist aber nur eine kleine Fehlkalkulation in einer sonst (ex post betrachtet: allzu) gut kalkulierten Erfolgsgeschichte. Hat doch die Strandbar im Bereich „Sand-Dinge in der Stadt“ geschafft, was die Enzis bei den Freiluft-Möbeln erreicht haben. Sie ist zum Synonym geworden.

Bunte Brücken, Wasser-Bonus

Weshalb Konar es inzwischen leicht nimmt, dass fast keiner ihren Namen richtig schreibt. Wobei heuer alles einfacher ist: Seit man staatstragend mit der Schweiz kooperiert – Rösti, Alphorn inklusive – heißt die Strandbar „Swiss Beach“. Gemein? Nur ein bisschen. Denn so oft passiert es nicht, dass ein fremder Staat eine Million Euro – teilweise bleibend wie beim neuen Pavillon – in Wiener Infrastruktur investiert. Da will man sich nicht groß beschweren.

Das gilt auch für die anderen Donaukanal-Gastronomen. Denn die Strandbar ist ein Grund, warum Leute wie der Stadthauptmann des ersten Bezirk, Josef Koppensteiner, glauben, dass sich am Kanal „eine kleine Fanmeile etablieren wird“. Weitere Gründe sind, erstens: Der Kanal liegt am Weg zwischen Stadion und offizieller Fanmeile. Seit die Brücken farbig bestrahlt werden, ist er nachts gut erkennbar.

Zweitens lockt vor allem bei Hitze die Wassernähe und drittens hat sich (s. Grafik) fast jeder hier etwas zur EM überlegt. Ist es bei einem Lokal zu voll (die Strandbar etwa muss bei 2000 Menschen sperren – zum Vergleich: bei der WM 2006 waren 6000 dort), schlendert der Fan-Flaneur weiter. Addiert man die verfügbaren Kapazitäten, wäre am Kanal für 12.000 Menschen Platz. Eine Zahl, die Bernhard Engleder, Wiener Donaukanal-Koordinator, jedoch mehr als halbieren würde. Anders als die Betreiber, die teilweise mit der dreifachen Frequenz rechnen, will er den Ball flach halten.

Mit Toten ist zu rechnen

Wohl auch aus Sicherheitsgründen. Denn: „So bitter es klingt, mit tödlichen Unfällen ist zu rechnen“, sagt der Einsatzleiter der österreichischen Wasserrettung Wien für die Euro, Dirk Strickmann. Die Strömung des Kanals ist stark, großflächige Absicherungen kaum vorhanden, ein Betrunkener schnell gestolpert. Seit heuer sind deshalb Feuerwehr und Wasserrettung fix am Donaukanal positioniert.

Andere Risiken wie rabiate Fans werden trotz allgegenwärtiger Aufstockung des Security-Personals gering eingeschätzt. Man setzt auf „relaxtes Ambiente“ und „zivilisiertes Wiener Stammpublikum“. Alle anderen, so der Wunsch, mögen beim Rathaus bleiben. Sicherheitshalber schließt die Strandbar um 24 Uhr, also gleichzeitig mit der Fanmeile.

Auch sonst weiß man sich bei Herrmanns zu helfen. Die verbotenen Liegestühle etwa werden nach der EM zu Gunsten der Flüchtlingshelferin Ute Bock verkauft, davor gibt es ein „Kickerl“ gegen die Schweizer Botschaft. Und wetten, dass die Blitzlichter wieder grinsen – für den Swiss, pardon, Herrmann Beach. Ach, die Strandbar eben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2008)

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