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Kampf um den Sonntag: Wirtschaft gegen Wirtschaft

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Frage der Sonntagsöffnung ist im roten Wien fast ein Glaubenskrieg. Dieser spaltet auch die Geschäftsleute der möglichen Tourismuszone.

Walter Ruck hat eine Lawine losgetreten. Seitdem der Neo-Präsident der Wirtschaftskammer Wien (WKW) für die Sonntagsöffnung in Form einer Tourismuszone eingetreten ist, geht es rund – Befürworter und Gegner geraten heftigst aneinander. Befürworter fordern ein Ende der Bevormundung und der wirtschaftlichen Schäden und argumentieren mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Gegner sprechen von Schäden für Familienleben und soziale Beziehungen. Und nebenbei läuft der Streit, wie umfassend eine Tourismuszone sein soll: nur der erste Bezirk? Kommt die Mariahilfer Straße dazu? Darf ein großes Einkaufszentrum bei der Stadthalle mitmachen? Was sind die Kriterien?

Um diese Wiener Diskussion zu verstehen, muss man zurückblicken. Seit Jahrzehnten existieren in acht Bundesländern gut funktionierende Tourismuszonen, in denen Geschäfte am Sonntag offen halten dürfen – nur nicht in der Tourismusmetropole Wien. Hier kämpfte die Wirtschaftskammer mit der Gewerkschaft seit Jahrzehnten erfolgreich dafür, dass Kunden an Sonntagen nicht einkaufen dürfen und Händlern das Öffnen per Gesetz verboten wird – weil kleine und mittlere Betriebe befürchten, finanziell unter die Räder zu kommen, während großen Ketten profitieren.

Mit einem Ruck an der Spitze vollzog die Kammer eine plötzliche Kehrtwendung – auch weil die Stimmung bei vielen Betrieben umschlug. Die WKW wird nun eine Urabstimmung durchführen, die Zustimmung gilt als sicher, nachdem bei einer Imas-Umfrage unter 500 Unternehmern im August 71Prozent für die Freigabe des Sonntags plädierten und nur 27 Prozent dagegen waren. Damit sind die Chancen auf eine Umsetzung so groß wie noch nie. Denn Bürgermeister Michael Häupl, der eine Tourismuszone verordnen muss, erklärte nun: Es befürworte eine Tourismuszone – wenn sich die Sozialpartner einigen.


Konkurrenz durch das Internet. Rainer Trefelik vom Traditionsmodengeschäft Popp & Kretschmer (Kärntner Straße) ist deklarierte Befürworter der Sonntagsöffnung: „Als Wiener Unternehmer möchte ich etwas, das es in acht anderen Bundesländern gibt, dort problemlos funktioniert, aber in der Metropole Wien mit den ständig steigenden Nächtigungszahlen fehlt: Ich möchte eine Tourismuszone im ersten Bezirk.“ Es könne nicht sein, „dass unzählige Touristen durch die City ziehen, vor meinem Geschäft stehen und ich geschlossen haben muss“, so Trefelik. „Diese Touristen sind meistens nur über das Wochenende hier. Wenn ich am Montag wieder öffne, sind sie weg.“

Den Unternehmern würden wichtige Umsätze entgehen (laut Kammer geht es um rund 140 Millionen Euro), das seien auch neue Arbeitsplätze. Immerhin würden die Kaufleute gegen Internethändler wie Zalando antreten: „Wenn man bei uns nicht einkaufen kann, wann die Kunden wollen, wandern sie ins Internet ab“, so Trefelik. Wenn er am Sonntag öffnen dürfte, würde er auch mehr Personal brauchen, also neue Arbeitsplätze schaffen und die bestehenden absichern. Wobei alles im Einvernehmen mit den Angestellten passieren müsse, betont der Geschäftsmann: „Es geht nur um die Möglichkeit, am Sonntag zu öffnen. Niemand wird dazu gezwungen.“

Für jene, die die Sonntagsöffnung ablehnen, weil der Sonntag heilig sei, hat Trefelik kein Verständnis: Genau diese Menschen würden am Sonntag ins Restaurant oder in den Prater gehen – oder in den Urlaub fliegen. Dafür müssten dort überall Menschen arbeiten. Das lässt Johanna Vanicek vom alteingesessenen Wäschegeschäft „Schwäbische Jungfrau am Graben“ nicht gelten: „Die Gier nach Geld sollte nicht dazu führen, dass viele auch noch an Sonntagen im Geschäft stehen müssen“, meint die Gegnerin einer Tourismuszone.

Außerdem glaubt sie nicht, dass sich die Sonntagsöffnung rentieren würde: „Viele würden das wegen der Lohnkosten nicht durchstehen.“ Dem Argument, es sollen dann nur jene aufsperren, für die sich die Sonntagsöffnung rentiert, hält sie entgegen: „Es sollen einheitliche Regeln für alle gelten.“ Ansonsten würden nur große Ketten überleben, was Trefelik wiederum nicht glaubt: Wenn eine Tourismuszone kommt, überlege auch er Sonntags aufzusperren – weil es sich rentiere.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2014)