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Des Dirigenten Wille ist sein Himmelreich

Ob Karajan Richard Strauss verstümmelt oder Celibidache Debussy »auswalzt« - gerade die exzentrischsten, obskursten Aufführungen und Einspielungen sagen manchmal viel über ihre Dirigenten aus.

„Macht? Welche Macht könnten Dirigenten schon besitzen, angesichts einer Partitur von Mozart oder Wagner?“, konterte Daniel Barenboim einmal leicht gereizt auf die einschlägige Frage. „Er gewöhnt sich daran, immer gesehen zu werden, und kann es immer schwerer entbehren“, schreibt Elias Canetti über den Dirigenten in „Masse und Macht“: der Pultstar, süchtig nach diktatorischem Einfluss.

Da war Sir Colin Davis eine rührende Ausnahme: Er wollte als Chef des London Symphony Orchestra ausdrücklich „keine Macht“ über seine Auftritte hinaus, sondern „nur“ musizieren. Dabei liegt die für das Publikum wesentliche Autorität der Götter in Schwarz ohnehin genau darin – und lässt sich an radikal subjektiven, exzentrischen Aufführungen am deutlichsten erleben.

Als etwa Karajan 1964 in Wien als letzte Premiere vor seinem skandalösen Abgang Strauss' „Frau ohne Schatten“ herausbrachte, tat er es als Dirigent und Regisseur in einer durch Szenenumstellungen gravierend veränderten Gestalt – vielleicht auch, um Karl Böhm dessen Lieblingswerk in Wien auf Jahre hinaus unmöglich zu machen. Der Mitschnitt (DG) zeigt, wie: Striche von einem bis weit über hundert Takte an 51 Stellen der Partitur eliminieren mehr als ein Fünftel des Stücks – damit auch wesentliche Textpassagen – und zerstören vor allem die Dramaturgie des zweiten Akts.

Doch auch Strauss-Intimus Böhm verfuhr 1959 in Salzburg kaum anders mit dessen „Die schweigsame Frau“, eine wegen der Besetzung (Güden, Wunderlich, Hotter) freilich legendäre Aufführung (DG): Besonders das Mozarts „Figaro“ nachempfundene, komplexe Finale des ersten Akts wurde damals (und wegen Böhms „Segen“ auch in vielen Folgeproduktionen, darunter in Wien!) geradezu zertrümmert.

Tempi lassen sich am leichtesten vergleichen (und verdammen): Dabei entsteht durch Langsamkeit manchmal, etwa wenn Celibidache Debussys „Ibéria“ auswalzt, ein völlig neues, aufregendes Stück – oder ein rechtes Monstrum wie in der Aufnahme der Siebten Mahlers des großen, unerbittlichen Otto Klemperer (beide EMI).

Gould zähmt Bernstein. Faszinierend auch der Mitschnitt aus der Carnegie Hall vom 6. April 1962 (Sony): Da tat Leonard Bernstein vorab in einer amüsanten Ansprache kund, dass er sich mit Glenn Gould über Brahms' d-Moll-Konzert absolut nicht hatte einigen können, er aber trotzdem auf den Pianisten eingehen werde – weil ihn dessen völlig unorthodoxe Interpretation fasziniere: der rare Fall eines gern als exaltiert abgekanzelten Dirigenten, dem nicht nur sein Ego, sondern auch das Abenteuer Musik wichtig war.

Exzentrik

Colin Davis wollte bei Amtsantritt in London ausdrücklich „keine Macht“, sondern nur „Musik machen“.

Herbert von Karajanstrich Karl Böhms Lieblingsoper „Die Frau ohne Schatten“ heftig zusammen.

Leonard Bernstein dirigierte aber Brahms in den langsamen Tempi, die Pianist Glenn Gould vorgab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2014)