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Dirigenten machen nebst Musik gern auch "Krach"

(c) APA/GEORG HOCHMUTH
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Misstöne im Musikbusiness waren und sind offenbar unvermeidlich: Schlaglichter auf komplizierte Verhältnisse, Machtkämpfe, kleine und große Eitelkeiten sowie Zerwürfnisse zwischen Dirigenten und Intendanten - einst und jetzt.

Der Intendant übernehme keine Verantwortung, im Gegenteil, er diffamiere seine Häuser nur, klagte der Dirigent im Interview. Es gebe fachliche Probleme, „nur Negativeffekte“ und keinen Kontakt. Stattdessen wolle er „auf meinen Sessel. Er versucht alles, um mir hier das Leben zur Hölle zu machen, damit er dahin kommt“. Postwendend folgte die Antwort per offenem Brief: Er diffamiere nicht, er stelle kompetent fest, wies der Herr Professor Generalintendant den Herrn Professor Generalmusikdirektor zurecht. Die Oper sei heruntergewirtschaftet: „Sie schaffen es nicht, große Dirigenten an das Haus zu binden... Sie kennen nicht die Regisseure des heutigen Musiktheaters... Ihre Beispiele über meine Inkompetenz sind erlogen.“

Ein seit 13 Jahren eher durch Nichtkommunikation schwelender Konflikt war damit im Jänner 1990 schließlich doch noch in aller Öffentlichkeit eskaliert: jener zwischen Wolfgang Sawallisch und August Everding. Neben diesem Münchner „großen Wadlbeißen“ (FAZ) nehmen sich die aktuellen Wiener Scheidungsdialoge zwischen Franz Welser-Möst und Dominique Meyer geradezu zahm aus.

„Musik ist Dissonanz“. Dissonanzen stellen die Würze im Klingenden dar, heißt es, ihre Auffassung sei allerdings großen Schwankungen unterworfen. August Halm schrieb in seiner Harmonielehre gar, die Musik sei „ihrem Wesen nach Dissonanz“ – also stets in Spannung befindlich, vorwärts strebend. Doch wie steht es mit Reibeklängen im Musikbusiness? Welche sind gerade noch reizvoll, welche schockierend oder gar destruktiv?

Darauf gibt es keine allgemeine Antwort – außer der Erkenntnis, dass schräge Töne unvermeidlich sind und ihre Lautstärke mit der Größe der Instrumente (sprich: Egos der Beteiligten) wächst. Zwischen Dirigenten untereinander ebenso wie zwischen ihnen und den gleichfalls um Aufmerksamkeit ritternden Intendanten gab und gibt es Missklänge von der kleinen Eifersüchtelei bis zum großen Krach.

In München stand von 1979 bis zu seinem Tod 1996 ein kultisch verehrter Mystiker an der Spitze der dortigen Philharmoniker: Sergiu Celibidache. Im Alter war er vor allem für seinen philosophischen Anspruch, seine notorisch breiten Tempi und die Weigerung bekannt, Plattenaufnahmen zu machen, da sie wesentliche Aspekte der Musik ohnehin nicht einfangen könnten. Der junge „Celi“ hingegen war ein eleganter, mitreißender Feuerkopf, wurde dann aber von einer elementaren Enttäuschung geprägt. Als nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg Wilhelm Furtwängler bis zu seiner Entnazifizierung die auf ihn eingeschworenen Berliner Philharmoniker nicht dirigieren durfte, konnte der junge, „genialisch veranlagte Rumäne“ (so Wolfgang Stresemann, langjähriger Intendant des Orchesters) seine enorme Begabung und auch seinen faszinierenden Charme voll ausspielen. Dass jedoch nach Furtwänglers Tod 1954 und angesichts der knapp bevorstehenden ersten US-Tournee trotzdem Herbert von Karajan (auf dessen gewieften Druck hin) zum Nachfolger „auf Lebenszeit“ gekürt wurde, hat Celibidache nie verwunden.

Erst nach 40 Jahren kehrte er (nach sechs Proben!) mit Bruckner an das Pult der Berliner zurück – und wusste nachher viel zu mäkeln. Einmal ereiferte er sich in München darüber, dass von Zunftkollegen „doch nur der Dreck“ hängen bleibe: Die Neigung zum Zen-Buddhismus hat ihn nie vor Zornesausbrüchen bewahrt. „Jeder Dirigent“, konstatierte er in einem Interview, „ist ein verkappter Diktator, der sich glücklicherweise mit der Musik begnügt.“

„Konservative Diva“. Nach Interregnum und James-Levine-Intermezzo wurde 2004 Christian Thielemann (laut „Zeit“ die „konservative Diva“) mit großem Pomp als ein würdiger „Celi“-Nachfolger in München empfangen und auf Händen getragen – bis es dann „durch eine Verkettung von Eigenwilligkeiten, Kompetenzproblemen und (verletzten) Eitelkeiten“ („Münchner Merkur“) zur Krise kam: Neben finanziellen Streitpunkten wollte sich Thielemann die Werke von Beethoven, Brahms, Bruckner und Strauss allein vorbehalten, wodurch das Engagement prominenter Gastdirigenten schwierig wurde. Freilich ist es vertraglich gang und gäbe, dass Chefs Werke für sich „sperren“ lassen.

Pikanterweise war es ein ähnliches Gerangel, das zu Fabio Luisis vorzeitigem Abgang aus Dresden geführt hat, wo die Sächsische Staatskapelle auch als Orchester der Semperoper fungiert: Das Management hat mit einem Gast und dem ZDF das Programm des Silvesterkonzerts 2010 ausgehandelt, ohne den GMD Luisi zu konsultieren. Sein Name: Christian Thielemann, damals schon Luisis designierter Nachfolger. Dieser wiederum hätte 2000 einen genervten Thielemann auf Wunsch des Intendanten Udo Zimmermann an der Deutschen Oper Berlin beerben sollen, doch führte ein Gagen- und Politstreit schließlich zum Verzicht Luisis – und Thielemanns Verbleib.

Nicht genug damit: Jüngst wurde in Dresden schon vor Amtsantritt der neue Semperoper-Intendant Serge Dorny entlassen. Sein Vertrag und jener von Thielemann als Chef der Staatskapelle hatten sich als unvereinbar herausgestellt...

„Wenn Ihnen ein Dirigent erzählt, es ginge ums Team, ist das Quatsch. Das moderne Dirigentenbild – ich kann es nicht mehr hören. Das ist eine leichte Unwahrheit. Natürlich will ein Orchester, dass ein Dirigent sagt, wo es langgeht. Bloß keine Führerfigur, sagten die 68er... Merkwürdigerweise muss man dann doch Chef sein“, erklärte Thielemann, einst Assistent Karajans, anlässlich seines Dresdner Amtsantritts selbstbewusst. Chef: das war Herbert von Karajan in Berlin unbedingt. Diese Stellung wurde auch in der 1963 eröffneten Philharmonie zementiert, im Volksmund Zirkus Karajani: mit dem Dirigenten im Mittelpunkt einer komplexen Architektur und eigenen Beginnzeiten für die Konzerte des Maestrissimo. Pech, dass Hans Scharoun in gutem Glauben nur ein einziges, großzügiges Dirigentenzimmer mit Vorraum und Badezimmer geplant hatte.

Nur bis ins Vorzimmer. Denn Karajan war nicht willens, dieses Allerheiligste für Kollegen zur Verfügung zu stellen: Seine Tür blieb zu – auch wenn er monatelang außer Haus war. Einzige Lösung: den fensterlosen Vorraum nachträglich aufzurüsten. „Gastdirigenten“, resümierte der philharmonische Pauker und Orchestervertreter Werner Thärichen, „können zu Karajans Lebzeiten in Berlin nur Vorzimmerdirigenten werden“.

Spät, aber doch stieß ein gewisser Leonard Bernstein zu diesen gleichsam minderen Maestri – nämlich am 4.Oktober 1979. Für sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern hatte „die Faust im Nacken Karajans“ (Klaus Umbach) Mahlers Neunte gewählt und wünschte sich öffentliche Generalprobe, Radioübertragung und Liveaufnahme. Karajan jedoch machte nicht bloß all seinen Einfluss geltend, um dergleichen mediale Begleitung einzuschränken (der viel gerühmte Mitschnitt konnte erst viel später erscheinen), sondern setzte das Werk einen Monat später selbst an und stimmte sogar der Veröffentlichung der Liveaufnahme zu, eine unerhörte Seltenheit bei ihm.

Dass sich Karajan damit aus Bernsteins Sicht in das gemachte Probenbett gelegt, aus seiner Einstudierung Nutzen gezogen hatte oder gar seine Interpretation in irgendeiner Weise zurechtrücken wollte, nahm ihm dieser freilich übel. Dass die von Karajan einst „mit tausend Freuden“ angetretene Stelle an der Spitze der Berliner keineswegs auf Lebenszeit halten würde, konnte lange Zeit niemand ahnen. Der Intendant Wolfgang Stresemann hatte als unerschütterlicher Diplomat dafür gesorgt, dass Differenzen intern geregelt wurden und nicht nach außen drangen.

Sein junger Nachfolger Peter Girth jedoch wollte eine aktivere Rolle einnehmen – nicht leicht im Kompetenz- und Befindlichkeitsdschungel. Als er einmal als Einspringer Daniel Barenboim engagierte, wäre der erkrankte Karajan vor Schreck fast gesundet, wie Thärichen berichtet: Barenboim hatte sich doch angeblich auf Furtwänglers Musizierstil berufen – das kam einem Affront gleich!

Doch als Verbündeten gegen das immer selbstbewusster werdende Orchester konnte er Girth dann gut brauchen: Als die Philharmoniker die Klarinettistin Sabine Meyer nach ihrem Probejahr ablehnten, stellten ihnen Chefdirigent und Intendant öffentlich die Rute ins Fenster – und jahrelang aufgestaute Emotionen entluden sich in einem Donnerwetter. Meyer verzichtete, Girth wurde zum Sündenbock, Grandseigneur Stresemann kehrte für zwei Jahre aus dem Ruhestand zurück. Als er 1986 am Ende eines ersten Konzertteils offiziell verabschiedet wurde, waren die Gäste gespannt, mit welchen Worten sich der Chef beim langjährigen Wegbegleiter zuletzt bedanken würde. Karajan knurrte nur drei Worte ins Mikro: „Jetzt ist Pause.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2014)