Gusenbauer: „Manche Dinge kann man sich abschauen“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Kanzler Alfred Gusenbauer über den Arbeiterverein Rapid und die Parallelen zur Politik, Neonazis auf den Tribünen, gar nicht so komplizierte Schweizer und die drei Tore des Paolo Rossi.

Die Presse: Zu welchem Verein hält man, wenn man in Ybbs an der Donau aufwächst?

Alfred Gusenbauer: Da gibt es genau zwei Möglichkeiten: entweder zu Voest Linz oder zu Rapid Wien.

Zwei Arbeitervereine.

Gusenbauer: Wenn man aus Ybbs kommt, noch dazu aus einer Arbeiterfamilie, dann gibt es nur diese zwei Möglichkeiten.

Hat der Arbeiterfußball noch eine Bedeutung in der Sozialdemokratie – oder ist im Fußball heute ohnehin alles durchkommerzialisiert?

Gusenbauer: Er spielt schon noch eine gewisse Rolle, obwohl der moderne Fußball mit dem klassischen Arbeiterfußball nur noch wenig zu tun. Aber es gibt hier nach wie vor eine Tradition.

Rapid Wien, Ihr Lieblingsklub, war früher ein klassisch roter Verein. Mittlerweile dürfte ein Teil des Rapid-Anhangs bei den FPÖ-Wählern zu finden sein.

Gusenbauer: Im Vorstand von Rapid sitzen auch ÖVP-Mitglieder. Ich würde sagen: Rapid umfasst heute die gesamte Breite der Bevölkerung. Die große Mehrheit der Rapid-Anhänger hat aber nach wie vor eine gewisse Affinität zur Sozialdemokratie. Oder zumindest zum Arbeitnehmer-Milieu.

Rapid hat aber auch immer wieder Probleme mit neo-nazistischem Anhang. Bei der diesjährigen Meisterfeier im Hanappi-Stadion, an einem 20. April, wurde Adolf Hitler per Transparent zum Geburtstag gratuliert.

Gusenbauer: Leider. Aber es war schon schlimmer, das muss ich auch sagen. Aber es ist ein Problem, das besteht. Und klarerweise ist die Arbeit mit den Fans diesbezüglich keine einfache. Aber Rapid nimmt das sehr ernst, setzt sich da auch mit den Fan-Betreuern intensiv auseinander. Aber wir haben das leider nach wie vor nicht völlig ausmerzen können.

Was ist das Besondere an Rapid?

Gusenbauer: Seit ich weiß, dass es Fußball gibt, bin ich Rapid-Fan. Das hat auch damit zu tun, dass Rapid in unserem Milieu als der Arbeiterverein galt. Und dazu kommt der Rapid-Geist: Das Nicht-Aufgeben, die Rapid-Viertelstunde, die Fähigkeit ein verloren geglaubtes Match in letzter Minute noch umzudrehen.

Das soll auch in der Politik schon vorgekommen sein.

Gusenbauer (lacht): Manche Dinge kann man sich abschauen.

Schmerzt es, wenn Sie im Hanappi-Stadion ausgepfiffen werden?:

Gusenbauer: Meine Güte. Lieber ist es einem immer, wenn nicht gepfiffen wird. Aber es hat sich bei Sportveranstaltungen anscheinend so eingebürgert, dass gepfiffen wird.

Muss sich ein Spitzenpolitiker auch im Fußball auskennen?

Gusenbauer: Also ich glaube nicht, dass das für irgendjemanden eine Grunderfordernis darstellt.

Fußballer haben früher gerne für die SPÖ geworben, Skifahrer für die ÖVP. Das ist heute selten geworden.

Gusenbauer: Ich glaube, dass sich Fußballer heute eher wenig politisch äußern. Das gilt aber nicht nur für Fußballer, sondern für Sportler im Allgemeinen.

Haben Sie selbst Fußball gespielt?

Gusenbauer: Ja, aber nicht wirklich glorreich. Ich habe das mit 14 wieder eingestellt, da ich dann leistungsmäßig Tischtennis gespielt habe.

Hatten Sie dennoch Fußball-Idole in Ihrer Kindheit und Jugend?

Gusenbauer: Ja, natürlich. Mich hat Bobby Charlton sehr beeindruckt. Und dann natürlich Pele, keine Frage. Und in Österreich war man Ende der Sechziger-Jahre als Rapid-Anhänger ein Fan von Jörn Bjerregaard. Und dann natürlich von Hans Krankl.

Wie viele Spiele werden Sie bei der Euro 2008 denn sehen?

Gusenbauer: Zumindest alle Österreich-Spiele, dann die Spiele, zu denen ausländische Gäste kommen, die ich dann betreuen und begleiten werde. Es kommt wahrscheinlich Frederik Reinfeldt, der schwedische Ministerpräsident, zu Schweden gegen Russland nach Innsbruck.

Was erhofft sich der Kanzler von der EM? Angela Merkel, obwohl keine ausgewiesene Fußball-Expertin, war bei der WM in Deutschland im Popularitätshoch.

Gusenbauer: Was ich mir erwarte ist, dass viel mehr Regierungschefs und Minister nach Österreich kommen werden, als das normalerweise der Fall ist. Das ist für Österreich gut und nützlich. Man trifft sich zwar auch bei den europäischen Räten, aber um mit jemandem wirklich intensiv ins Gespräch zu kommen, muss man eigentlich fast immer einen bilateralen Besuch machen. Die Euro ist ein guter Grund für viele nach Österreich zu kommen.

Wie hat die Zusammenarbeit mit der Schweiz bislang geklappt?

Gusenbauer: Überraschend sehr gut. Wieso sage ich überraschend? Weil mein Eindruck früher war, dass es mit den Schweizern nicht so einfach ist, dass die manchmal ein wenig kompliziert sind. Aber die Zusammenarbeit bisher war wirklich klaglos und professionell.

Sind Sie mit Hickersbergers Kader-Auswahl zufrieden? Oder hätten Sie lieber den Rapidler Stefan Maierhofer im Team gesehen?

Gusenbauer: Wir halten es weiter so, dass ich mich bei Pepi Hickersberger nicht in die Aufstellung einmische und er sich nicht in meine Auswahl der Ministerriege.

Welches WM- oder EM-Spiel hat Sie nachhaltig beeindruckt?

Gusenbauer: 1978, Österreich gegen Deutschland, Córdoba.

Das sagen alle.

Gusenbauer: Abgesehen davon: Das Spiel, in dem Paolo Rossi drei Tore geschossen hat.

Italien gegen Brasilien, 3:2, WM 1982 in Spanien.

Gusenbauer: Genau das.

Wer wird Europameister?

Gusenbauer: Ich wünsche mir Österreich.

Wer wird der Star der EM?

Luca Toni hat gute Chancen.

Zu wem halten Sie, wenn Sie nicht gerade Österreich die Daumen drücken?

Ich war nie ein großer Deutschland-Fan, von der WM '74 abgesehen. Sonst haben sie nie besonders toll gespielt. Bei der WM 2006 haben sie aber so sensationell gespielt, dass ich Sympathien für die Deutschen habe. Ich bin aber auch nach wie vor großer Frankreich-Fan.


Am Dienstag: Wilhelm Molterer (ÖVP)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2008)

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