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"Leute wie wir": Cameron - der elitäre Gambler

(c) APA/EPA/John Stillwell (John Stillwell)
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Die Position des britischen Premiers ist nach dem Schottland-Referendum zwar ungefährdet. Die Wiederwahl des Tory-Chefs im kommenden Mai ist allerdings alles andere als sicher.

Pünktlich nachdem die Ergebnisse der Volksabstimmung in Schottland feststanden, hatte Freitagabend in den britischen Kinos der Film „The Riot Club“ Premiere. Er beschreibt das wilde Treiben von Oberschichtsprösslingen während ihrer Studententage in Oxford. „Leute wie wir machen keine Fehler“, schnurrt einer der Protagonisten nach einer turbulenten Nacht voller Alkohol, Unfug und Zusammenstöße. Obwohl der Film ausdrücklich als „fiktiv“ gekennzeichnet ist, weiß das ganze Land, dass er sich eng am Bullingdon Club orientiert – einer Studentengruppe, deren prominentestes Mitglied der heutige Premierminister, David Cameron, war.

Die „Bullers“ kamen in ihren wilden Tagen zu allerlei Ausschweifungen und gelegentlich auch Ausschreitungen zusammen. In betrunkenem Zustand wurde schon mal in Blumentöpfe gepinkelt, mit Essen geworfen oder ein Restaurant zu Kleinholz gemacht. Was die Mitglieder des 1780 gegründeten Klubs verbindet, ist ihr unerschütterlicher Glaube an sich selbst und daran, dass die Erde für sie geschaffen sei. „Leute wie wir“ – das sind Menschen ohne materielle Sorgen, mit der besten Ausbildung und schrankenlosen Chancen. Wie Cameron waren auch Schatzkanzler George Osborne und der Bürgermeister von London, Boris Johnson, Mitglieder des Klubs.

Heute bilden diese Herren, mittlerweile Mitte 40 bis Anfang 50, die Führung der britischen Konservativen, und heute achtet Cameron auf seine Ehrbarkeit. Sein Selbstbewusstsein und ein Weltbild, in dem Dinge gar nicht anders sein können, als er sie sich vorstellt, sind unverändert. Neben Wohlstand hat seine Familie auch eine Ahnenreihe, die bis zu König William IV. (1765–1837) zurückreicht.

Cameron wird als „entspannt, umgänglich und aufgeschlossen“ beschrieben. Als Oppositionsführer empfing er gern Journalisten bei sich zu Hause in Notting Hill, wo er mit Frau Samantha und drei Kindern lebte, und kochte für sie. Er ging direkt nach dem Abschluss in Oxford 1988 in die Politik. Nach dem Labour-Wahlsieg 1997 wechselte er als PR-Direktor zu einem Privatsender. Cameron machte immer klar, dass Politik nicht alles für ihn sei. Als Lieblingsfreizeitbeschäftigung wird ihm „chillaxen“ zugeschrieben, eine Mischform aus chillen und relaxen – totale Entspannung.

Vielleicht erklärt dieser Hintergrund Camerons Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen. Er geht in eine Syrien-Abstimmung ohne sichere Mehrheit. Er zieht über Nacht das neue Pressegesetz zurück. Er zwingt seiner Partei die Homosexuellen-Ehe auf. Er hat keine Zeit für seine Hinterbänkler, die ihn hassen. Er stimmte 2012 einem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands zu, obwohl er damit die Zukunft des Vereinigten Königreichs riskierte. Während die schottischen Nationalisten zwei Jahre lang mobilmachten und das Blatt fast zu ihren Gunsten wenden konnten, blieb Cameron fast bis zum Ende untätig, was ihm den Vorwurf der Selbstgefälligkeit und Fehleinschätzung eintrug. Andere loben ihn für „Nerven wie aus Stahl“.

Ähnlich wie er zu Schottland „ein für alle Mal eine Lösung“ erzwingen wollte, strebt Cameron in der Frage der EU-Mitgliedschaft eine Klärung durch das Volk an. Im Fall eines Wahlsiegs im Mai 2015 verspricht er bis 2017 eine Volksabstimmung. Kritik, dass er „das Schicksal der Nation aus parteipolitischen Überlegungen leichtfertig aufs Spiel setzt“, so der Liberale Vince Cable, prasselt an Cameron ab wie Wasser an einer Ente.

Vielmehr sieht er das Versprechen als Trumpf im Wahlkampf. Vertraute Camerons wie der Journalist Daniel Finkelstein sind überzeugt, dass er den Verbleib Großbritanniens in einer reformierten EU will. Doch einen Tag nach dem Nein der Schotten ist bereits ein heilloser Streit unter den Londoner Parteien ausgebrochen, wie, wann und ob all die heiligen Eide, die man gerade erst geschworen hat, auch einzuhalten sind.

Die Westminster-Elite. Die Ablehnung der Briten des Establishments in der Politik – und ihrer Freunde in Wirtschaft und Medien – wird damit weiter wachsen. Die schottischen Nationalisten unter Alex Salmond wechselten erst in die Überholspur, als sie die Westminster-Elite attackierten. Exakt dieselben Töne schlägt in England die United Kingdom Independence Party (Ukip) von Nigel Farage an. Die europa- und fremdenfeindliche Partei wurde bei der Europawahl im Mai zur stärksten Kraft.

Das Schottland-Referendum hat gezeigt, dass die Labour Party ihre Hochburg verloren hat. Dasselbe droht den Tories in England nun durch Ukip: Am 9. Oktober, ausgerechnet Camerons Geburtstag, wird die Farage-Partei aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem Sieg in der Nachwahl in Clacton-on-Sea ihren ersten Sitz im Londoner Parlament erringen. Cameron wird auch diese Niederlage überleben. Aber in allen Umfragen liegt seine Partei zurück, Ukip könnte ihn entscheidende Stimmen kosten.

Noch reagieren in London die Einheitspolitiker vom Typ David Cameron, Ed Miliband oder Nick Clegg, die nicht nur einen ähnlichen privilegierten Hintergrund haben, sondern die auch gleich aussehen, sprechen und denken. Sie vertreten eine Elite, die für Ententeiche Spesenrechnungen stellt, während seit sieben Jahren die Reallöhne fallen. Jeden Monat übertrifft die Zahl der Einwanderer die Vorgabe der Regierung. Rund eine Million Menschen arbeiten auf Basis von Null-Stunden-Verträgen.

Der Premier spielt gern Fruit Ninja auf dem iPad, und sein Vorvorgänger Tony Blair, der das Land in den Irak-Krieg getrieben hat, besitzt mittlerweile neun Häuser. Längst erreichen nur mehr Politiker vom Schlag eines Salmond oder Farage das Volk. „Was wir erleben, ist ein Aufstand“, sagt der Politologe John Curtice. Cameron verkörpert das (nach)lässige, leichtfertige, unerschütterliche britische Establishment perfekt. Er könnte der letzte Vertreter seiner Art sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2014)