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Filmmuseum: Als der Horror salonfähig wurde

(c) Toho Co., Ltd. / Filmmuseum
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Die rasende Entwicklung der Horrorfilme seit 1968 zeigt die Filmschau "Land of the Dead": mit Klassikern des Autorenkinos, aber auch essenziellen Obskuritäten.

Ein Echo des klassischen Horrorfilms, wie ihn James Whales „Frankenstein“ zum Glanzpunkt gebracht hat, hallt über die Gräber, aus denen der moderne Horrorfilm aufersteht. Der erste Untote in George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (1968) scheint noch Boris Karloffs kreatürliche „Frankenstein“-Bewegungen zu imitieren. Ansonsten bleibt nichts beim Alten: Der Friedhof ist echt und nicht im Studio nachgebaut, der Held ein Afroamerikaner, die Heldin von Minute fünf an katatonisch, und das einzige junge Liebespaar wird von den Untoten ausgeweidet und verspeist.

Gleich drei Romero-Filme zeigt die Filmmuseum-Schau „Land of the Dead“ zu den Aufbäumungen des Horrorkinos zwischen 1968 und 1987 – darunter das Magnum Opus „Dawn of the Dead“. Das Genre hat in den umrissenen zwanzig Jahren, vor allem in den Siebzigern, eine rasende Entwicklung durchgemacht, dank filmtechnischer Innovationen und einem neuen Verhältnis zur Zeigbarkeit von Grausamkeiten. Die stark diversifizierte US-Filmproduktion steht im Mittelpunkt, wird aber auch im Verhältnis zu nicht amerikanischen Arbeiten gezeigt.

Der italienische Zentral-Fantast Mario Bava etwa hat mit dem blutigen Thriller „A Bay of Blood“ 1971 nicht nur die ökoaktivistisch motivierten Horrorfilme der folgenden Dekade antizipiert, sondern auch die Blaupause für das Subgenre des Slashers geliefert. Das wurde wiederum 1978 von John Carpenter in seine eleganteste, weil minimalistischste Form gegossen: „Halloween“ knüpft am urbanen Mythos der terrorisierten Babysitterin an und zeigt Jamie Lee Curtis als Jungfrau, die vom personifizierten Bösen in Gestalt des Psychopathen Michael Myers verfolgt wird.

 

Schreck-Lust: Fellini, Bergman, Polanski

Carpenter und Romero sind maßgebliche Autorenfiguren des modernen Horrorkinos: Das Genre wurde aber auch deswegen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts salonfähiger, weil Kapazunder des Weltkinos wie Federico Fellini („Toby Dammit“, 1968), Ingmar Bergman („Die Stunde des Wolfs“, 1968) und Roman Polanski („Rosemary's Baby“, 1968) sich ihm so furchtlos wie lustvoll näherten.

Die hier gezeigten visionären, originären und formästhetisch innovativen Filme zeigen überhaupt, wie imaginär die Trennlinien zwischen dem sogenannten Autorenkino und dem Horrorfilm zumeist sind: Tobe Hoopers häufig skandalisiertes Stück Terrorkino, „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974), hat zum Verhältnis zwischen Mensch und Industrie mindestens so viel zu sagen wie Antonionis „Die rote Wüste“. Und Wes Cravens „A Nightmare on Elm Street“ (1984) ist mit dem verbrannten Kindermörder Freddy Krueger, der Jugendlichen in ihren (Alb-)Traumwelten auflauert, nur einen Steinwurf von den somnambulen Universen der gefeierten Kino-Surrealisten, allen voran Luis Buñuel, entfernt.

„Land of the Dead“ zeigt viele Klassiker, skizziert aber auch die globalen Bewegungen des Horrorkinos. Das besonders in den Sechziger- und Siebzigerjahren schock- und schundgeneigte italienische Kino wird mit Arbeiten von Dario Argento, Mario Bava und vor allem dem gern und häufig geschassten Lucio Fulci angerissen, während mit dem gut gelaunten, surrealen Dämonenhorror „House“ (1977) von Nobuhiko Obayashi ein Meisterstück der japanischen Fantastik gezeigt wird.

Besonders beglückt die Aufnahme spanisch(sprachig)er Arbeiten: Narciso Ibáñez Serradors genial-gnadenloser Schocker „Who could kill a Child?“ (1976), in dem ein britisches Paar von mordlustigen Kindern terrorisiert wird, und das schwarze Märchen „Gift für die Elfen“ (1984–86) des im Ausland kaum bekannten Mexikaners Carlos Enrique Taboada sind essenzielle Obskuritäten.

Stephen King schrieb einmal, er habe Mitleid mit all jenen, die ihm immer wieder sagen: „Ich lese keine Fantasy und sehe mir auch all diese Filme nicht an. Nichts davon ist real.“ Denn „sie können das Gewicht der Fantasie nicht stemmen. Die Muskeln ihrer Vorstellungskraft sind zu schwach geworden“.

Noch bis 15.10. im Österreichischen Filmmuseum in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2014)