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Mujila: "Mein Vater sagte, der Fluss Kongo gehöre mir"

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Ein in Graz lebender Autor begeistert die französische Kritik: Fiston Mwanza Mujila über sein Buch "Tram 83", seine Heimat Kongo, das Merkwürdige am Grazer Schlossberg und darüber, warum er einen Fluss im Bauch hat.

Eine brodelnde Bordellbar als Mikrokosmos einer Stadt, eines Landes, einer Welt: Vor wenigen Wochen ist der Roman „Tram 83“ in Frankreich erschienen, und Kritiker überbieten einander mit Lobeshymnen. Die Zeitung „Le Monde“ wählte das Buch gar unter die zehn Anwärter für den besten Roman des Jahres. Dabei kannte man den Namen Fiston Mwanza Mujila in Frankreich bisher kaum. Besser kannte man ihn kurioserweise in Graz, obwohl Mujila auf Französisch schreibt. Der kongolesische Autor war Grazer Stadtschreiber und hat die Stadt zu seiner Wahlheimat gemacht. Nun dringt also aus der Ferne der Ruhm zu ihm nach Österreich.

Zu Recht: In seinem ersten Roman zieht er einen mit unglaublicher musikalischer Energie in einen tosenden Mikrokosmos hinein, der vom Atem seiner Heimatstadt, Lubumbashi, der zweitgrößten Stadt der Republik Kongo, inspiriert ist: Einen einst vor der Politik geflohenen jungen Schriftsteller verschlägt es nach seiner Rückkehr in das bizarre Lokal Tram 83. Minenarbeiter und minderjährige Prostituierte, ausländische Geschäftsleute und Arbeitslose, Drogendealer und Studenten finden sich jeden Abend dort ein. Mujilas suggestive Prosa wälzt sich in end- und atemlosen, stark rhythmisierten Sätzen dahin wie ein riesiger, reißender Fluss.

 

„Der Kongo begeht täglich Selbstmord“

„Ein Fluss im Bauch“ heißt auch ein Gedichtband des Autors, der letztes Jahr auf Französisch (mit paralleler deutscher Übersetzung) erschienen ist. Wenn Mujila an Heimat denkt, dann ist das die Republik Kongo und zuallererst der Fluss Kongo, erzählt er im Gespräch mit der „Presse“: „Als ich ein Kind war, hat mein Vater zu mir gesagt, dass der Fluss Kongo mir gehört. Er fragte mich, was ich mit dem Fluss machen würde, wenn ich groß wäre. Wenn ich viel Wasser trank, glaubte ich, schwanger mit dem Kongofluss zu sein.“ Dieser Fluss inspiriere ihn ständig – „durch seine Größe, seine Majestät ... Gleichzeitig macht er mich traurig, es ist ein arbeitsloser Fluss. Man könnte mit ihm die Wirtschaft des Landes, den Tourismus zum Blühen bringen. Aber das geschieht nicht. In einem Gedicht sage ich deshalb auch, dass der Fluss Kongo jeden Tag im Meer Selbstmord begeht, dass er furchtbar einsam ist.“

Mujila entstammt einer kulturell interessierten Handelsfamilie, er studierte in seiner Heimat Literatur, ging dann nach Belgien, Deutschland, Graz, heute reist er viel, aber sein Lebensort ist Graz. „Es ist ein bisschen meine Heimat geworden. Ich liebe den Berg, der so merkwürdig mitten in der Stadt liegt, die Ruhe, aber auch das literarische Gewicht der Stadt, die mit Autoren wie Alfred Kolleritsch, Barbara Frischmuth oder Peter Handke verbunden ist. Als Schriftsteller lebe ich dort gar nicht isoliert, nehme an denselben Lesungen und Festivals teil wie andere Autoren, verstehe mich sehr gut mit österreichischen Autoren meiner Generation, wie Clemens J. Setz oder Georg Petz.“ Mujila schreibt zwar auf Französisch, lässt die Texte aber dann ins Deutsche übersetzen – und hat mittlerweile auch selbst auf Deutsch zu schreiben begonnen.

 

„Schreibe zuallererst für meine Mutter“

Aber sein Lebensthema ist das Land, aus dem er kommt, „das Zentrum meiner Welt“. Er schreibe zuallererst für seine Mutter, sagt Mujila – auf Französisch, aber „die afrikanischen Sprachen leben in mir“. Sie prägen seinen Stil mit, so wie die Geräusche und die Musik seiner Heimat: „Als Kind wollte ich Saxofon lernen, bekam aber nicht die Möglichkeit dazu. Heute arbeite ich viel mit Musikern zusammen, meine Lesungen sind Performances.“ Begonnen hat Mujila in seiner Heimat mit Gedichten und Kurzgeschichten, „damals habe ich viel in Friseursalons oder Bars gelesen, an den unwahrscheinlichsten, lärmendsten Orten. Meine Texte sind geschrieben, um geschrien zu werden.“

Derzeit dissertiert der Autor auch noch, über den kongolesischen Roman. „Wir haben eine Kultur des Vergessens, wenige Autoren erinnern sich der Geschichte ihres Landes und thematisieren sie“, sagt er. Für eine eigenständige Kultur fehle auch das Geld, „die meisten Institutionen leben von ausländischen Zuschüssen“. Die in Europa publizierenden Kongolesen wiederum würden erst recht für die Europäer schreiben. „Sie müssen deren Erwartungen erfüllen, so entsteht eine prostituierte, abgenutzte Literatur.“ Er selbst fühlt sich frei davon: „Gott sei Dank finde ich Verleger, die mögen, was ich mache. Meinen Roman gibt es seit sechs Jahren, viele Verlage haben ihn zurückgewiesen, wollten Änderungen; aber ich wollte seine Seele nicht verändern.“

Mujila weiß, dass er irgendwann in seine Heimat zurückkehren wird. „Ich nehme den Kongo überallhin mit, er ist meine Nahrung. Und ich werde wieder in meine Ethnie zurückgehen. Es ist so wie früher: Man zieht aus und sucht sich etwas zu essen – kommt aber immer wieder zu seinem Stamm zurück.“

ZUR PERSON

Fiston Mwanza Mujila wurde 1981 in Lubumbashi, Republik Kongo, geboren. Nach Stationen in Belgien und Deutschland wurde er 2009/10 Grazer Stadtschreiber und lebt heute dort. Mujila schrieb bisher Gedichte, Prosa und Theaterstücke, „Tram 83“ ist sein erster Roman. In den Stücken „Eine Fahrt ans Mittelmeer“ (UA 2011 am Staatstheater Mainz) und „Gott ist ein Deutscher“ geht es um afrikanische Flüchtlinge und Migranten. Die Anthologie „Nach dem Sturm“ entstand aus Gesprächen mit Insassen der Justizanstalten Garsten und Karlau. 2013 erschien der Gedichtband „Der Fluss im Bauch“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2014)