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„Wenn es sein muss, dann zertrete ich Viktor Orbán“

Techniker der Macht: Viktor Orban möchte einen einstigen Weggefährten loswerden.
Techniker der Macht: Viktor Orban möchte einen einstigen Weggefährten loswerden.REUTERS
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Oligarch Lajos Simicska und Premier Viktor Orbán - wie aus einer Symbiose ein erbitterter Kampf wurde.

Budapest. Hört man in Ungarn das Wort Oligarch, kommt einem sofort der Name Lajos Simicska in den Sinn. Und hört man den Namen Lajos Simicska, dann kommt einem unweigerlich auch der von Premier Viktor Orbán in den Sinn.

Beide haben einander viel zu verdanken, und man fragt sich: Hat der Politiker den Oligarchen groß gemacht, oder umgekehrt? Dank der tatkräftigen Hilfe der zweiten Regierung Orbán (2010–2014) hat es Simicska binnen vier Jahren nicht nur zu sagenhaftem Reichtum, sondern auch zu großem wirtschaftlichen und politischen Einfluss gebracht, ein „Einfluss-Barometer“ reihte ihn als dritteinflussreichste Person Ungarns. Seine ausufernde Machtfülle ist Orbán nun aber offenbar zu viel geworden. Der Premier leitete in den vergangenen Monaten eine Reihe von Schritten ein, um Simicska auf ein kontrollierbares Maß zu stutzen.

Doch von Anfang an: Wir schreiben die Achtzigerjahre, in Ungarn herrscht noch der real existierende Sozialismus, aber das Unterdrückungssystem liegt schon in schleichender Agonie. Zwei hochintelligente und höchst ambitiöse Mitglieder der Demokratiebewegung, Viktor Orbán und Lajos Simicska, teilen sich im Studentenheim ein Zimmer. Zwischen den Gesinnungsbrüdern entspinnt sich ein schier unzertrennliches Band der Freund-, ja, Komplizenschaft, durch dick und dünn.

Simicska ist seit der Gründung 1988 im Dunstkreis von Orbáns Partei Fidesz, erst als Berater, später als Finanzdirektor. Während der ersten Regierung Orbán (1998–2002) ist er ein Jahr lang Chef der Steuerbehörde, 1999 zieht er sich zurück und ordnet fortan alles seinen Wirtschaftsinteressen unter. Der Partei hält Orbán-Intimus aber die Treue. In den Oppositionsjahren (2002–2010) ist er einer ihrer wichtigsten Geldgeber. Nicht zuletzt dank seiner finanziellen Unterstützung – neben Orbáns Organisationstalent – vermag Fidesz zu einer breit aufgestellten, schlagkräftigen politischen Kraft zu werden. Überdies pumpt Simicska erkleckliche Summen in Fidesz-nahe Medienorgane und bereitet damit den Weg zum historischen Triumph der Orbán-Partei 2010.

 

Aufteilung des Kuchens

Nach dem Erdrutschsieg verbringt Simicska Wochen in Orbáns Heimatort Felcsút, um mit dem neuen Premier über Minister und andere wichtige Posten im Staatsapparat zu entscheiden. Es wird gemutmaßt, dass sie auch beraten haben, wie der Kuchen bei staatlichen Aufträgen aufgeteilt werden soll.

So kommt es, dass die Wirtschaftsinteressen von Simicska (das Reklameunternehmen Publimont, die Medienagentur Inter Media Group und das Bauunternehmen Közgép) seit 2010 einen öffentlichen Auftrag nach dem anderen an Land ziehen. Die unverhohlene Bevorteilung findet ihren Niederschlag in den Bilanzen: Im Juni rechnete die Zeitung „Népszabadság“ vor, dass Simicska 2013 die satte Summe von über 70Millionen Euro an Dividenden ausschütten konnte.

Doch parallel spitzen sich die Konflikte zwischen Orbán und Simicska, der den Fidesz-Urgesteinen László Kövér (Parlamentspräsident) und János Áder (Staatsoberhaupt) seit jeher ein Dorn im Auge ist, zu. Es geht vor allem um zwei große Bauaufträge, darunter die Erneuerung des Kossuth-Platzes vor dem Parlament. Orbán entschließt sich, Simicska in die Schranken zu weisen: etwa mit einer Reklamesteuer, die für Simicska mit Milliardenverlusten verbunden ist, und der Drohung, große Straßenbaufirmen mit einer rückwirkenden Sondersteuer zu schröpfen. Damit nicht genug, lässt Orbán auch zahlreiche Simicska-Vertraute aus einflussreichen Positionen im Staatsapparat entfernen.

 

Völlig vergiftetes Klima

Simicska soll vor Wut toben. Angeblich hat er sich über Orbán sogar zu der Äußerung hinreißen lassen: „Ich habe diesen Menschen groß gemacht, und wenn es sein muss, werde ich ihn auch zertreten.“ Offenbar ist das Verhältnis der ehemaligen Freunde völlig vergiftet, sie sollen nicht einmal mehr miteinander reden. Laut der Zeitung „Népszabadság“ könnte ein Kompromiss darin bestehen, dass Simicska die von ihm finanzierten Medienorgane samt und sonders abtritt. Nutznießer könnte der einflussreiche Orbán-Vertraute Árpád Habony sein, der bereits die Wirtschaftszeitung „Napi Gazdaság“ kontrolliert. Er soll ein neues konservatives Medienportfolio aufbauen, das dem Fidesz weiterhin mediales Oberwasser garantiert.

Laut Insidern trachtet Viktor Orbán nun danach, die Einfluss- und Machtsphären auf dem Wirtschaftssektor mehr auszutarieren, und keine Machtkonzentration mehr zuzulassen – außerhalb der in seiner eigenen Hand.

AUF EINEN BLICK

Lajos Simicska (1960) ist ein einflussreicher ungarischer Unternehmer, der vor allem in der Bau- und Medienbranche aktiv ist. Er war bis vor Kurzem ein enger Vertrauter von Premier Viktor Orbán. Als Orbáns Partei Fidesz in Opposition war (2002–2010) wurde sie von Simicska finanziell über Wasser gehalten und publizistisch massiv unterstützt. Mittlerweile sind Orbán und sein Zimmergenosse aus Studententagen aber tief zerstritten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2014)