Mehr Lohn, weniger Geld

Die Nettolöhne sind real um 4,2 Prozent gesunken.
Die Nettolöhne sind real um 4,2 Prozent gesunken.(c) Die Presse
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Die Gewerkschaft will, dass Arbeiter zwischen mehr Lohn und mehr Urlaub wählen dürfen. Warum nicht? Nach Steuern und Inflation bleibt vom jährlichen Lohnplus ja ohnedies nichts.

Wien. Ein paar Schüsseln Gulasch, Gewerkschafter im Kampfmodus und Industriekapitäne, die Weltuntergangsstimmung verbreiten. Kein Zweifel, die wichtigsten Lohnverhandlungen des Landes haben begonnen. Seit Donnerstag feilschen die Sozialpartner um die Erhöhung der Kollektivvertragslöhne für 180.000 Beschäftigte der Metallindustrie. Sie gelten historisch als Gradmesser für alle Arbeiter und Angestellten im Land. Gibt es bei den Metallern das von der Gewerkschaft geforderte Plus „deutlich über der Inflationsrate“, können auch Beschäftigte in anderen Branchen aufatmen. So weit die Theorie.

Die Realität sieht anders aus: Denn egal, worauf sich Arbeitgeber- und Arbeitgebervertreter nach Verhandlungsmarathon und fast obligaten Streikdrohungen einigen werden, wirklich mehr werden sich die Menschen darum doch nicht kaufen können. So half es auch bisher wenig, dass die nominellen Bruttolöhne (genau diese werden ja verhandelt) hierzulande von 2010 bis 2013 um 7,3 Prozent stiegen. Denn nach Abzug von Steuern, Abgaben und Inflation sind die Nettolöhne in derselben Zeit real um 4,2 Prozent gesunken. Nicht, dass die Österreicher daran nicht schon gewöhnt sein sollten. Seit fast einem Vierteljahrhundert treten die Reallöhne auf der Stelle, hat das Wifo errechnet. „Daran wird sich nichts ändern“, sagt Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer vom IHS zur „Presse“. Er erwartet ein weiteres Minus auch im kommenden Jahr.

325 Mio. versteckte Lohnsteuer im Jahr

Die Gewerkschaften haben das offenbar erkannt und ändern ihre Strategie: Statt mehr Geld darf es diesmal auch mehr Zeit sein. Wer über dem Kollektivvertrag verdient, soll auf sein Lohnplus verzichten und dafür ein bis zwei Wochen länger Urlaub machen können – wenn die Betriebe damit einverstanden sind. Bisher reagierte die Arbeitgeberseite eher skeptisch auf den Vorschlag. Die Forderung sei kaum mit Schichtarbeit vereinbar.

Die Schuldigen an den sinkenden Reallöhnen sind jedoch weder in Gewerkschaften noch in Firmen zu suchen. Dass die Teuerung hierzulande heuer mit 1,8 Prozent so hoch wie kaum wo in Europa ausfallen wird, verdanken die Bürger vor allem ihren Politikern. Höhere Gebühren, Steuern und Abgaben treiben die Quote um 0,5 Prozentpunkte.

Damit nicht genug. Der Finanzminister hat auch diskretere Wege, um als echter Sieger aus allen Lohnrunden zu gehen. Möglich macht es die kalte Progression: Rücken Angestellte durch Lohnerhöhungen etwa in höhere Steuerklassen, steigt die Steuerlast deutlich schneller als ihr Verdienst. Im Extremfall bleibt unter dem Strich sogar ein reales Minus. Allein bei der Lohnsteuer sichert diese versteckte Steuererhöhung dem Fiskus ein jährliches Zubrot von 325 Millionen Euro. „Früher hat der Staat die Erträge aus der kalten Progression alle vier Jahre pompös zurückgegeben“, sagt Hofer. Seit 2009 warten die Österreicher vergebens auf die übliche „Steuerreform“. Immer noch landen 49,1 Cent von jedem Euro Lohn, den Firmen bezahlen, beim Fiskus. Kaum ein OECD-Finanzminister nimmt seinen Bürgern mehr weg.

Stärker noch als die Politik werde jedoch die Weltkonjunktur beeinflussen, ob die Österreicher 2015 mehr oder weniger verdienen werden, sagt IHS-Experte Hofer. Die Konjunktur entscheidet nicht nur über das Verhandlungsergebnis der Metaller, sondern auch darüber, wie viele Stunden die Österreicher überhaupt arbeiten dürfen. Mit MAN hat der erste Industriebetrieb Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Folgen andere, helfen die schönsten Lohnerhöhungen nichts mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2014)

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