Gas-Alternative Naher Osten? Reich, aber schwierig

Iran hat reiche Gasfelder.
Iran hat reiche Gasfelder.EPA
  • Drucken

Auf der Suche nach neuen Gasquellen flirtet Europa nun mit dem Iran. Aussichtsreicher ist freilich das viel umworbene Katar. Allmählich kann Europa auch nach Israel schielen.

Wien. In die Diskussion über andere Gasquellen zur Reduktion der Abhängigkeit von Russland hat sich nun der Iran eingeschaltet. Er könne ein „zuverlässiges Energiezentrum für Europa sein“, so Staatschef Hassan Rohani am Mittwoch.

Das sieht auch die EU so, wie eine EU-Quelle zu Reuters sagte: Der Iran sei hinsichtlich Alternativquellen „ziemlich weit oben auf unserer Prioritätenliste“. Allein, die Infrastruktur fehle, und die Sanktionen seien intakt, wiewohl über eine Lockerung verhandelt wird.

Der Mullah-Staat mit seinen 75Millionen Einwohnern hätte viel zu bieten. Seine Gasreserven gelten als die zweitgrößten hinter Russland und würden für 70 Jahre Alleinversorgung in Europa reichen.

Der Iran lässt auf sich warten

In Wirklichkeit freilich werden schon geringe Mengen noch lange auf sich warten lassen. Denn selbst wenn die Sanktionen fallen, brauche es fünf Jahre, damit die Förderung für den Export wieder nennenswerte Mengen erreiche, so Walter Boltz, Chef der österreichischen E-Control. Von möglichen zehn bis 20 Mrd. Kubikmetern für Europa sprechen diverse Studien. Zum Vergleich: Russland lieferte im Vorjahr 161,5 Mrd. Kubikmeter.

Das Problem des Iran: Wird das Gas via Pipeline exportiert, müsste diese durch die Türkei führen. Aber die Türkei habe sich laut Boltz zuletzt sperrig verhalten, weil sie Gas nicht nach dem EU-Modell der kostenorientierten Gebühr durchlassen, sondern mit entsprechender Marge weiterverkaufen wolle. Verhandlungen und Bau würden fünf bis sieben Jahre dauern. Aber auch für einen Export von Flüssiggas (LNG) – die sinnvollere Variante – fehlt den Iranern die Infrastruktur, die drei bis vier Jahre Errichtungszeit braucht.

Da ist Irans Rivale, die Zwergenhalbinsel Katar mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern, um Längen vorn. Als drittgrößter Gasstaat, der auf 13,3 Prozent der nachgewiesenen Weltreserven sitzt, hat Katar von Anfang an auf LNG gesetzt und ist heute weltweit größter LNG-Exporteur. Drei Viertel seiner 160 Mrd. Kubikmeter Produktion gehen mit Schiffen auf den Weltmarkt, womit Katar ein Viertel des LNG-Markts stellt. Die LNG-Flotte zählt fast 90 Tanker.

Katar bleibt flexibel

Wie der Iran will auch Katar nicht als Alternative zu Russland, sondern als seine Ergänzung dargestellt werden. Aber niemand hat Russland zwischenzeitlich mehr geschadet als Katar. Als Katar ab 2009 aufgrund der US-Gasautarkie seine Exportströme nach Europa umlenkte, fiel Russlands Marktanteil in Europa 2010 auf 23 Prozent. Als Katar dann infolge der Fukushima-Atomkatastrophe die starke LNG-Nachfrage in Ostasien bediente, erlangte Gazprom 2013 den Allzeitrekordmarktanteil in Europa von 29,9 Prozent.

Heute liefert Katar 63 Prozent seines LNG ins besser zahlende Asien und nur 30 Prozent nach Europa. Dennoch ist Katar als einziges Gasland des Nahen Ostens in Europa mit einer eigenen Präsenz vertreten und etwa am Gasspeicher Bergermeer in Holland beteiligt. Katar kann flexibel seine Exportströme umlenken, ist aber kein Swingproducer, der seine Produktion rasch den Marktschwankungen anpassen kann. In jedem Fall sei das Land erpicht darauf, maximal zu exportieren, um die sündteuren Verflüssigungsanlagen auszulasten, erklärt Boltz.

Ist bei den Rivalen Iran und Katar LNG das Hauptthema, so ist es im benachbarten Irak nur der Export über Pipelines. Aber auch dieser stockt, weil die Zentralregierung sich mit den nordirakischen Kurden über die Aufteilung der Erlöse uneins ist. Laut Experten wären fünf bis sechs Mrd. Kubikmeter mittelfristig für Europa zu holen.

Interessant für Europa könnte indes das Leviathan-Gasfeld vor der israelischen Küste werden. Erst vor vier Jahren gefunden, könnten am Ende von dort zehn bis 20 Mrd. Kubikmeter über eine Unterwasserpipeline in die Türkei oder als LNG nach Europa fließen, so Boltz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

Gasflamme
Energie

Europas indirekte Helfer

Die USA, Australien und Ostafrika wollen den globalen Gasmarkt aufmischen. Das kann Europa auch dann zugutekommen, wenn es von diesen Weltgegenden nicht direkt beliefert wird.
ALGERIA GAS COMPLEX OF TIGUENTOURINE
Österreich

Mehr Gas aus Afrika – das wird noch dauern

Algerien ist Europas drittgrößter Gaslieferant. Wegen fehlender Investitionen kann die Produktion jedoch nicht aufgestockt werden.
Gas pipe is pictured at Gas Connect, Austria´s gas distribution node, in Baumgarten, east of Vienna
Energie

Gasversorgung: Hoffnung auf Norwegen

Das Vertrauen in Russland als größten Gaslieferanten wurde am Wochenende abermals unterminiert. Aber was können Russlands Konkurrenten bieten? Norwegen ist Österreichs zweitgrößter Gaslieferant.

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.