Die Absurditäten des Musiklebens

Die Wiener exportieren ungeniert Artikel, die sie gar nicht haben – zumindest im Kulturbereich.

Zu den Absurditäten des Kulturlebens gehören Gastspielreisen. Da werden unter wienerischem Etikett oft Dinge exportiert, die es in Wien gar nicht gibt. Ob im Falle von konzertanten Staatsopernaufführungen oder, jetzt gerade, der Japan-Tournee der Volksoper inklusive „Fledermaus“ in einer Regievariante Heinz Zedniks mit diesem selbst als Frosch – und mit Jochen Kowalski als Orlofski, der in Wien ebenso wenig zum Stammensemble zählt wie die Rosalinde einer Nancy Gustafson oder gar René Kollos Alfred! Immerhin, so hört man, applaudieren die Tokioter Enthusiasten auch unserm jüngsten Stern, Daniela Fally, frenetisch – eine Ehrenrettung. Wir bringen also doch auch daheim etwas Herzeigbares weiter.

Davon abgesehen, haben die japanischen Gastgeber den Wienern vorab schon eine Freude bereitet. Wären Nippons zuständige Herren nicht so durchsetzungskräftig mit ihren Besetzungswünschen, hätten wir am Gürtel Herbert Lippert als Lyonel in Flotows „Martha“ nie zu hören bekommen...

Szenenwechsel: Radiohörer bekommen bei Live-Übertragungen nicht immer zu hören, was das Publikum im jeweiligen Konzertsaal gerade erlebt. Jüngst war Benjamin Schmid überrascht, dass Konzerte eines Radio-Sinfonieorchesters auch im Radio gesendet werden – und untersagte die Übertragung seines Auftritts. So vernahm man eine virtuose Wiedergabe des Bartók-Violinkonzerts durch Thomas Zehetmair von CD. Zuvor war man live dabei gewesen, wie das RSO mit dem unerschrockenen Posaunisten Uwe Dierksen fulminant eine knifflige Novität von Johannes Maria Staud zur Erstaufführung brachte, danach ging es live mit einem lächelnden Kleinod Olivier Messiaens und einer hochexpressiven Wiedergabe der Cesar-Franck-Symphonie weiter – was Bertrand de Billy mit seinen Musikern geschafft hat, ist allemal export-, also auch sendetauglich.

In der Staatsoper erinnerte man sich während der „Sizilianischen Vesper“ eindringlich an ein Wort Herbert von Karajans, der einmal meinte, Wagner-Opern seien lang nicht so heikel für den Tagesbetrieb wie Italienisches: „Verdi muss man ausgiebig probieren“, befand der Maestro. Jüngst schlug mich eine Orgie von verwackelten Einsätzen und Synchronisierungspannen zwischen Bühne und Orchester in die Flucht (ein Déjà-vu-Erlebnis der unerklärlichen Art: Am Pult stand wie Mitte der Siebzigerjahre Miguel Gomez-Martinez – und es klang auch wie einst). Bleibt die Hoffnung auf eine wohlvorbereitete Konfrontation der beiden „Don Carlos“-Fassungen Mitte Juni, denn die Möglichkeit dieses Verdi-Marathons gehört zu jenen Atouts des Hauses, die auf Grund des enormen Aufwands nicht transportfähig sind. Manche Dinge muss man schon an Ort und Stelle begutachten.


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2008)

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