Ein Happening ist ein Happening ist ein Happening

Der „Steirische Herbst“ widmet sich in diesem Jahr dem Teilen. Konsequent eröffnet er also mit einem Fest bei freiem Eintritt.

Der „Herbst“ ist da, der Steirische, und wie jedes Jahr hat die Avantgarde des Gegengiftes einen Vorposten nach Graz geschickt, der erkunden soll, was es an neuen, heißen Produkten in der Gegenwartsgesamtkunst gibt. Wie so oft stellt sich mir die Frage: Was zieht man an zur Eröffnungspremiere am Freitagabend in der Helmut-List-Halle? Steireranzug? Bratenrock? Ganzkörperkondom? Ich bin unschlüssig.
In der Halle nicht weit hinter dem Bahnhofsareal tritt nämlich die internationale belgische Needcompany von Grace Ellen Barkey und Jan Lauwers auf, Stars, die man sogar in Wien kennt. Sie versprechen nun für den frühen „Herbst“ eine Show namens „All Tomorrow's Parties“, als ob The Velvet Underground aus den Tiefen von New York auferstehen würde. Teil eins besteht fast konventionell aus Musik, Performance, Tanz und Theater bei geschlossener Gesellschaft, aber Teil zwei kündigt ein „Happening“ bei freiem Eintritt an, kurz bevor es auf den Samstag zugeht.
Happening! Dieses Wort kommt mir wie ein Gruß aus den Sechzigerjahren vor, die ich zwar als Kind durchlebt habe, an die ich mich jedoch kulturell kaum mehr erinnern kann. Das einzige rustikale Happening habe ich vor fast 50 Jahren beim Schleicherlaufen in Telfs versäumt. Eines weiß ich bereits für dieses Wochenende: Die Tracht lasse ich im Schrank, auch den Latex-Overall. Ich werde mich als B-Beamter verkleiden – beige-rote Weste mit Ärmelschoner, graue Bundfaltenhose, blaue Haferlschuhe, grüne Plastikbrille. So überlebt man Graz auch jenseits der Mur.
Was erwartet mich jedoch beim Happening? Wie soll ich es deuten, jetzt, wo ich am Einlass stehe? Die Intendantin Veronica Kaup-Hasler spricht zur Eröffnung mutig vom Aufbruch. In alle Regionen der hoffnungsfroh grünen Mark will sie vom neuen Festivalzentrum im Palais Wildenstein aus diese Botschaft tragen, an 24 Festivaltagen, mit 140 Projekten von 600 Künstlern aus 45 Nationen. Allein diese Fakten widerlegen das Motto in diesem Jahr: „I prefer not to . . . share“, ein furchtbarer Satz von Herman Melvilles „Bartleby the Scrivener“, der offenbar intellektuellen Widerspruch provozieren soll. Davon ist jedenfalls der prächtige „Herbst“-Band „Theorie zur Praxis“ geprägt, der mir wie jedes Jahr ein Vademecum für vereinzelte Events ist, die sich hermetisch dem Mitteilen verweigern, der einfachen Form des Art-Sharing.
Ich suche also zwischen Hip-Hop, Rocking Shakespeare und tiefen Gedanken über Verteilungsgerechtigkeit, die weit freigiebiger im Heft verstreut sind als ein paar Zipfelchen altmodischer Pornografie, nach dem Schlagwort „Happening“. Und finde – Rituale! Essen, trinken, denken, sich aufführen. Ein klassisches Symposium also, oder doch ein Zeltfest? „Open Your Minds“, ermuntern mich Barkey und Lauwers. Mein Körper verspannt sich, ich knöpfe die Weste zu. Der Bauch teilt mir bereits eine Vorahnung mit: Es wird bald wieder eine anstrengende Nacht in Graz gewesen sein.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

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