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OMV: Jede Menge Öl im Feuer

Roiss, chief executive of Austrian oil and gas group OMV, addresses a news conference in Vienna
(c) REUTERS

In der OMV geht es drunter und drüber. So sehr, dass sogar die Ablöse von Konzernchef Gerhard Roiss im Raum steht. Er macht turbulente Tage durch – und wird sie wohl überstehen.

Geplant war ein exklusives Abendessen. Raiffeisen-Boss Christian Konrad und OMV-Chef Gerhard Roiss hatten eine kleine, aber feine Runde eingeladen, um die Premiere des Cleveland Orchestras mit ihrem Dirigenten Franz Welser-Möst zu feiern. Und alle kamen an jenem Dienstag, dem 16. September. Na ja, fast alle. Wer fehlte, war einer der Gastgeber. Gerhard Roiss ließ sich entschuldigen.
Ein nicht anwesender Gastgeber – das löst schon im Normalfall Irritationen aus. Aber bei der OMV laufen die Dinge schon längst nicht mehr im Bereich der Norm: Am Abend davor war plötzlich bekannt geworden, dass OMV-Vorstand Jaap Huijskes völlig überraschend den Konzern vorzeitig verlassen wird. Dann fehlte am Abend darauf auch noch Gerhard Roiss bei „seinem“ Abendessen. Das gab prompt Anlass zu heftigen Spekulationen. Und sie dauern noch an.

Fix ist: Roiss war verhindert, weil er kurz zuvor einen Termin bei ÖIAG-Chef Rudolf Kemler wahrgenommen hatte. Was dort gesagt wurde, ist offiziell natürlich nicht überliefert. Aber sagen wir's so: Allzu erfreulich wird das Gespräch für Roiss wohl nicht gewesen sein, sonst hätte er ja nicht auf seine Gastgeberrolle verzichtet.
An der Länge des Gesprächs lag es jedenfalls eher nicht: Gerüchten zufolge soll die Unterredung nämlich denkbar kurz gewesen sein. Kemler sprach ein höchst heikles Thema an: die vorzeitige Auflösung des Roiss-Vertrags, der eigentlich bis 2017 läuft. Roiss vernahm es – und verließ wort- und grußlos das Büro.

Wie gesagt: Bestätigt ist diese Version keineswegs. Aber sie ist höchst glaubwürdig. In der OMV laufen die Dinge nämlich ziemlich unrund. Wirtschaftlich und atmosphärisch.
Das wirtschaftliche Problem ist rasch erklärt: Das Raffineriegeschäft läuft wegen geringer Margen schlecht, das Tankstellengeschäft ist eigentlich keines mehr und aufgrund der geopolitischen Lage musste zuletzt die Ölförderung in Libyen eingestellt werden. Zum Ausgleich hat sich die OMV – sehr teuer – in mehrere Nordsee-Felder eingekauft. Dazu lasten Milliardeninvestitionen der vergangenen Jahre in Deutschland, der Türkei und in Ungarn schwer auf der Bilanz. Vor allem aber: Das von Roiss jahrelang hochgehaltene Gasgeschäft entwickelt sich dank abgestürzter Gaspreise zum Desaster.
Im ersten Halbjahr brach der Gewinn um fast 60 Prozent ein.

Bleibt natürlich die Frage, ob all diese Unwägbarkeiten Gerhard Roiss allein anzulasten sind. Da scheiden sich die Geister. Klar ist hingegen: Die atmosphärischen Probleme im Konzern gehen eindeutig auf seine Kappe.
Gerhard Roiss ist seit rund 25 Jahren in der OMV tätig, 2002 wurde er stellvertretender Generaldirektor, seit 2011 ist er Chef des Konzerns. Schon damals bereitete sein Aufstieg vielen im Konzern Bauchweh. Roiss ist nämlich ein Manager der alten Schule. Weniger zurückhaltend formuliert: Er ist kein Teamplayer, er duldet keinen Widerspruch. Und er hat ein ziemlich ausgeprägtes Temperament, das selbst leitende Mitarbeiter in Angst und Schrecken versetzt.

Da ist es natürlich kein Zufall, dass Roiss neuerdings von einem Wunsch beseelt ist: Sein Vorstandskollege Hans-Peter Floren, zuständig für das Gasgeschäft, soll gehen. Der ist, so wird im Konzern erzählt, einer der wenigen, die Roiss die Stirn bieten. Also sandte Roiss vor wenigen Wochen einen Brief an ÖIAG-Chef Kemler. Betreff: Floren müsse verabschiedet werden. Eine Forderung, gut getarnt mit dem Ansuchen, das OMV-Gasgeschäft umstrukturieren zu wollen.

Keine sonderlich elegante Aktion. Und Roiss hat mit ihr eine Lawine losgetreten. Vergangene Woche wurde bei der für zwei Tage anberaumten Aufsichtsratssitzung so arg gestritten, dass die Sitzung abgebrochen und auf den 14. Oktober vertagt werden musste.

Präsentiert wurde dort ein Bericht des Beraters McKinsey, der ganz im Sinne von Roiss formuliert war. Ein Aufsichtsratsmitglied: „Die McKinsey-Präsentation war geschickt inszeniert. Aber letztlich hat sich der Eindruck bestätigt, dass es darum geht, eine Begründung für die Auflösung des Gasbereichs und für eine Beendigung des Vertrags von Floren zu finden.“

Es kam zum Krach: Betriebsräte forderten die Ablöse von Roiss, der „Unruhe im Haus“ verursacht habe. Kapitalvertreter (vor allem Ex-RHI-Chef Helmut Draxler) meinten sinngemäß: So weit komme es noch, dass Betriebsräte über Vorstandspersonalia entscheiden. Es wurde laut, die Sitzung musste abgebrochen werden. Zur Abkühlung der Gemüter, wie es hieß.

Ob das gelingt? Ob damit das Thema Roiss-Ablöse tatsächlich vom Tisch ist? Man wird sehen. Faktum ist, dass Roiss nicht nur den Betriebsrat, sondern auch den Mehrheitseigentümer ÖIAG gegen sich hat.

Das ist neu. Vor allem der bisherige ÖIAG-Präsident, Peter Mitterbauer, wie Roiss ein Oberösterreicher, hielt große Stücke auf den OMV-Chef. Doch jetzt wird die ÖIAG (noch) von Siegfried Wolf präsidiert, der in diskreten Gesprächen bereits auf Distanz zu Roiss gegangen ist. ÖIAG-Chef Kemler hat erst gar nicht den diskreten Weg gesucht.

Wohl auch deswegen, weil der OMV-Großaktionär Ipic – das ist der Staatsfonds von Abu Dhabi – ein deklarierter Roiss-Gegner ist. Ipic ist über die Entwicklung der OMV erbost und fordert die Ablöse von Roiss. Detail am Rande: Laut Syndikatsvertrag zwischen den Großaktionären ÖIAG und Ipic muss in der Frage des Vorstands Einigkeit erzielt werden.

So gesehen sind die Prognosen für Roiss nicht sonderlich günstig. Doch zwei Argumente sprechen derzeit noch für ihn. Da gibt es einmal das leidige Nachfolgerthema: Mit dem plötzlichen Abgang von Vorstand Huijskes ist der von der ÖIAG auserkorene Kronprinz weg, ein weiterer ist nicht in Sicht. Wie denn auch? Roiss wollte ja starke Manager nie an seiner Seite haben.

Argument Nummer zwei wiegt schwerer: ÖVP-Chef und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner – ebenfalls Oberösterreicher – stärkt Roiss den Rücken. Auch deswegen, weil die vorzeitige Entfernung eines Managers um teures (Steuer-)Geld keinen schlanken Fuß macht. Selbst massive Roiss-Kritiker haben sich also damit abgefunden: Roiss wird wohl bleiben.