Subtext. Wenn Unternehmer eine Urlaubs-Flatrate anbieten, wissen sie, dass diese ohnehin nicht in Anspruch genommen wird.
Die heurige Herbstlohnrunde hatte einen originellen Start. Statt mehr Lohn wollen die Gewerkschaften der Metaller diesmal auch mehr Freizeit akzeptieren – wenn die Mitarbeiter einverstanden sind. Wer also auf sein mageres Bruttolohnplus verzichtet, könnte ein bis zwei Wochen länger in Urlaub gehen. Klingt ja nicht so schlecht.
Dabei ist die Idee gar nicht so revolutionär. Unternehmer wie Richard Branson überholen die Gewerkschaft mit links. Er verordnete den 170 Angestellten seiner Virgin-Holdinggesellschaft in Großbritannien und den Vereinigten Staaten eine Art Urlaubs-Flatrate. „Es ist Sache des Arbeitnehmers zu entscheiden, ob und wann er ein paar Stunden, einen Tag, eine Woche oder einen Monat freinehmen will“, schreibt der Milliardär im Internet. Wer ausspannen will, muss künftig offiziell keinen Chef um Erlaubnis fragen oder Rücksicht auf Kollegen nehmen. Branson folgt dem Beispiel der Online-Videothek Netflix, die schon vor einiger Zeit dahintergekommen ist, dass es kaum Sinn hat, freie Tage zu zählen, wenn man längst aufgehört hat, die Arbeitsstunden der Mitarbeiter zu protokollieren.
Die Rechnung ist simpel: Wer öfter freihat, bringt mehr Leistung, bessere Moral und mehr Kreativität bei weniger Burn-outs, Fehlern und Krankenständen. Was klingt wie Arbeiten in Utopia, hat jedoch einen Haken: Denn weder Netflix-Chef Reed Hastings noch Branson ist reich geworden, weil er seine Mitarbeiter fürs Nichtstun bezahlt hat. Sie wissen genau, dass die meisten das Angebot gar nicht ausnützen können.
Im kalifornischen Silicon Valley lässt sich das bereits beobachten. Dort überlassen mittlerweile viele IT-Firmen ihren Mitarbeitern die Entscheidung, wann und wie lange sie in Urlaub gehen wollen. Das Problem: Einige Menschen sind mit diesem Überangebot an freier Zeit offenbar überfordert, sie tun sich schwer einzuschätzen, wie viel Urlaub „richtig“ ist – und arbeiten länger als zuvor. Wohl auch, weil sie genau wissen, dass mehr Freizeit nicht bedeutet, dass weniger Leistung gefordert wird.
Branson lässt daran erst gar keinen Zweifel aufkommen: Er erwarte, dass seine Angestellten nur dann freinähmen, „wenn sie sicher sind, dass sie und ihr Team mit allen Projekten im Zeitplan sind und ihre Abwesenheit der Firma nicht schadet – und auch nicht ihrer Karriere“.
Ob die neue Freiheit die Produktivität und Lebensfreude der Mitarbeiter wirklich steigern kann, hängt also weniger von den freien Tagen ab, vielmehr von dem Maß an Arbeit, das erledigt werden muss. Nach einer Glassdoor-Studie haben US-Bürger 2013 nur jeden zweiten Urlaubstag verbraucht. Sie wissen wenigstens noch, dass sie im Stress die Hälfte sausen lassen mussten. Gibt es aber keine Norm mehr, kann das Geschenk der Unternehmer schnell zum Geschenk für die Unternehmen werden. Und aus der Urlaubs-Flatrate wird eine Arbeits-Flatrate.
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