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Das sind Österreichs 500.000 Muslime

Symbolbild
(c) Stanislav Jenis

Wer sind die rund 500.000 Muslime? Dahinter verbirgt sich kein monolithischer Block, sondern stecken unzählige Facetten, wie die Menschen den Islam interpretieren und leben. Der Versuch einer Vermessung.

Wien. Muslim ist nicht gleich Muslim. Die Vorstellung vom Islam als monolithischem Block ist ein Irrglaube – ob weltweit betrachtet oder auf Österreich heruntergebrochen. Da gibt es analog zu den Taufscheinkatholiken etwa jene, die religiöse Rituale maximal als nette Tradition betrachten. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen jene, die Sympathie für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) haben – und womöglich selbst in den Kampf ziehen. Und dazwischen unzählige andere, die irgendwo zwischen konservativ, liberal oder progressiv pendeln. Die einzelnen Gruppen zahlenmäßig zu erfassen ist nicht leicht.
Da es nicht einmal gesicherte Zahlen gibt, wie viele Muslime überhaupt in Österreich leben (die letzten halbwegs gesicherten Daten, nämlich rund 500.000, stammen aus dem Jahr 2009). Weil Organisationen selten Mitgliederzahlen nennen – und Nichtorganisierte sowieso nicht erfasst werden. Und weil Einteilungen Überschneidungen und Unschärfen aufweisen. Und dennoch, ein Blick auf Österreichs Muslime, der nicht alle in einen Topf wirft, lohnt sich.

Völlig losgelöst

Liberal. Von den rund 500.000 Muslimen in Österreich dürfte mindestens die Hälfte keinen Verbänden angehören. Zu belegen ist diese Zahl nicht, da die großen Verbände nicht angeben, wie viele Mitglieder sie haben. Auch die Angabe der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, wonach sie über 350.000 eingetragene Mitglieder verfügt, wird von Experten als zu hoch gegriffen angezweifelt. Die überwiegende Mehrheit der nicht organisierten Muslime dürfte ihren Glauben sehr liberal und westlich orientiert ausleben.

Organisiert in Verbänden

Traditionell. Schätzungen zufolge sind zwischen 100.000 und 150.000 Muslime in den drei großen, türkisch dominierten Verbänden organisiert, die einander ideologisch relativ ähnlich sind: der türkisch-islamischen Union in Österreich (Atib), der Vereinigung Islamischer Kulturzentren in Österreich (VIKZ) und der Islamischen Föderation in Österreich (Milli Görüs).
Atib (mit 59 Moscheen) wurde 1990 gegründet und untersteht dem staatlichen Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) der Türkei – so werden die Religionsbeauftragten aus der Türkei entsandt. Zu den Atib-Gemeinden gehört auch jene in Telfs in Tirol, die wegen des Baus einer Moschee mit Minarett in die Schlagzeilen geraten ist.
Die VIKZ (mit 21 Moscheen) ist die seit 1972 in Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Kärnten aktive Vertretung des sufischen Süleymanci-Ordens mit einer Europa-Zentrale in Köln. Die VIKZ und die Union Islamischer Kulturzentren (UIKZ), die der größere Dachverband der beiden und für Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Steiermark zuständig ist, folgen einer traditionellen sunnitisch-hanafitischen Ausrichtung des Islam.
Milli Görüs (mit 21 Moscheen) ist ideologisch mit dem 2011 verstorbenen türkischen Politiker Necmettin Erbakan verbunden, einst Ziehvater des heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Der Milli-Görüs-Bewegung gehört auch Fuat Sanaç, der Präsident der IGGiÖ, an.

Gemäßigt, aber antiisraelisch

Konservativ. Abseits der großen Moscheeverbände gibt es mehrere Moscheen, in denen nicht nur ein konservativer Islam zu Hause ist, sondern auch teilweise antiisraelische/antisemitische Aussagen getätigt werden. Was nichts mit Jihadismus zu tun hat, aber zumindest mehr als zweifelhaft wirken kann. Als prominentester Vertreter kam zuletzt Adnan Ibrahim, Prediger in der Schura-Moschee in Wien Leopoldstadt, in die Schlagzeilen. Der gebürtige Palästinenser verurteilte zwar den IS, doch gleichzeitig versuchte er, den Jihad gegen Israel zu rechtfertigen. Eine Position, die sich zuletzt nicht nur bei arabischstämmigen Muslimen, sondern auch verstärkt bei türkischen Moscheevereinen findet – was auch am stärker israelkritischen Kurs der türkischen Regierung liegen dürfte. Ideologisch gibt es bei den großen Verbänden und den lose organisierten, kleineren Moscheevereinen durchaus eine gewisse Deckungsgleichheit. Generell hat der organisierte Islam in Österreich ein eher traditionell-konservatives Antlitz. Moscheen, die einen explizit progressiven Anspruch haben, etwa auch, was die Rolle der Frau oder Homosexualität angeht, sind in Österreich weitgehend Mangelware. Bei radikalen Anhängern des Salafismus und Sympathisanten des IS gelten aber selbst die konservativen Verbände als vom wahren Glauben abgefallen – und damit nicht als Muslime.

Empfangsbereit für radikale Ideen

Militant. Es mag in vielen Moscheen ein konservativer Islam gepredigt und gelebt werden. Doch was radikale Ideen wie Salafismus oder gar Sympathien für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeht, sind Moscheen in der Regel die falschen Ansprechpartner. Alle namhaften Trägerverbände distanzieren sich von derartigem Gedankengut. Die kleine salafistische Szene beschränkt sich auf einige wenige Gebetshäuser – in Wien stehen etwa drei im Fokus. Und empfänglich für derartige Ideen sind vor allem Jugendliche, die zunächst gar nicht in Moscheengemeinden verwurzelt sind.

Wie groß ist nun diese Gruppe? In Hinblick auf die Gesamtzahl der Muslime sehr gering. Der auf politischen Islam spezialisierte Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger von der Uni Wien spricht „von ein paar hundert“ Jugendlichen, die derzeit zur Szene zählen; und sie kämen kaum aus besonders religiösen oder konservativen Familien. Oft handle es sich sogar um „religiöse Analphabeten“. Gerade Jugendliche auf Identitätssuche – egal, ob mit oder ohne Migrationshintergrund – seien anfällig für die Idee. Oft stecke dahinter auch nur das, was andere Jugendkulturen auch leisten: Eltern, Lehrer und Gesellschaft schockieren. Nur könne die jugendliche Begeisterung, wenn sie von den falschen Leuten ideologisiert wird, dann eben in Syrien enden.

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