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Islamische Glaubensgemeinschaft muss sich klarer distanzieren

Das Wort Islamismus in einem Woerterbuch
(c) imago/Christian Ohde
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Die Reaktionen der muslimischen Vertreter und der Parteien auf den IS-Terror folgen den bisherigen Ablenkungsmustern. Das wird nicht reichen.

Wagen wir ein kleines Gedankenexperiment: Junge männliche Christen – nehmen wir verführte radikale Anhänger des religiösen US-Tea-Party-Flügels – würden als freiwillige Söldnerarmee im Nahen Osten Jagd auf Andersgläubige machen. Sie foltern, quälen und morden, lassen dabei die Kamera mitlaufen und stellen die Videos dann ins Netz. Gekleidet sind sie in weißen Kutten mit roten Kreuzen, musikalisch wird das von hartem Hip-Hop mit kleinen Zitaten aus gregorianischen Chorälen begleitet. Aus vielen Städten Europas hat die Bewegung „Christlicher Staat“ Zulauf.

Was würde in dieser – zugegebenermaßen zynischen – Fiktion passieren?

Vom Papst abwärts müssten sich alle Kleriker geißeln, entschuldigen, dass so etwas im Namen Gottes niemals passieren darf, und sich scharf distanzieren. In allen nicht arabischen Ländern würden breite Mehrheiten in Regierungen und Parlamenten nicht nur harsche Resolutionen und Maßnahmen gegen diese Terrorbewegung beschließen, sondern den gesellschaftspolitischen Notstand in den eigenen Ländern ausrufen. Millionen würden auf die Straße gehen und sich lautstark von den Kreuzzugmördern distanzieren.

Von Hunderttausenden oder Millionen, die in arabischen Metropolen gegen den Islamischen Staat demonstrieren, waren bisher nur wenige zu sehen.

Ohne Polemik: Was sich als Reaktion auf die Blutspur des Islamischen Staates abspielt, ist alarmierend. Die Islamische Glaubensgemeinschaft ruft in Wien etwa zu einem Fest des Friedens als Reaktion auf die Massaker in Syrien und im Irak auf. Mehr geht offenbar nicht. Bei einer ORF-III-Diskussion sagt der Sicherheitssprecher der SPÖ allen Ernstes, dass Gewaltvideospiele die eigentliche Ursache wären, dass Junge für den IS zu morden begännen. Peter Pilz von den Grünen assistiert, dass das alles in Wahrheit ein soziales Problem sei. Wer arm, arbeitslos und sozial isoliert sei, werde eben leichter zum Schlächter, so die These von links verkürzt. Die SPÖ will in den Schulen ansetzen, erklären und für Prävention sorgen. (Gibt es dort bisher keine Prävention gegen Gewalt und Extremismus?) Die FPÖ nützt die Aktion, um die IS-Propaganda gleich ins Verbotsgesetz zu reklamieren, das sonst nicht wenige FPÖ-Funktionäre ablehnen. Da liegt der Verdacht sehr nahe, dass es bei diesem Versuch auch darum geht zu relativieren, dass Holocaust und Nationalsozialismus die unvergleichbare Ursünde in Mitteleuropa waren. Bei Neos und dem Rest Stronach weiß man nicht so genau, wofür sie in dieser Frage stehen. Die ÖVP will schnell mehrere Gesetze verschärfen, um zu punkten. Dass dabei im Vorbeigehen Gesetze gegen Terroristen geschaffen werden, die auch andere treffen könnten, scheint egal zu sein. Die Idee, Verhetzung nicht bei einem 150-Personen-Publikum festzumachen, sondern bei zehn Personen, könnte mancher Stammtischdiskussion Besuch vom Staatsanwalt einbringen. Das ist nur ein Beispiel, aber es zeigt: Politischer Aktionismus hilft in dieser Frage nicht, er sorgt für eine weitere Beschneidung von Freiheit und Bürgerrechten. Es war die al-Qaida, der es gelungen ist, Flugreisen und Einreisezeremonien in der halben Welt zur Qual werden zu lassen.


Vielleicht wäre es einfach besser, die Politik würde ruhig und leise Klartext sprechen, wie dies Religionspädagoge Ednan Aslan fordert: In Wien gibt es unter den rund 150 islamischen Kindergärten viele, die von Salafisten betrieben werden. Kontrolliert wird da offenbar wenig bis kaum. Wenn stimmt, was Aslan auch sagt, dass er nämlich selbst Stadtschulrat und Unterrichtsministerium auf eine Problemschule hingewiesen habe, aus der nun zwei Jugendliche in den angeblich Heiligen Krieg in den Irak und nach Syrien gezogen sind, dann ist das politisch wie pädagogisch fahrlässig. Vor allem muss die Glaubensgemeinschaft Farbe bekennen und sich vom Ziel eines islamischen Staates nach klassischen, also konservativen theologischen Normen (Scharia inklusive) distanzieren, wie das einer der wichtigsten islamischen Theologen Österreichs fordert. Ein paar Anlassgesetze, freundliche Dialoge und Get-togethers reichen zur Überwindung dieses Problems nicht mehr aus.

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)