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Vorsicht vor Bärtigen?

In 69 Jahren Zweite Republik hat es noch keinen islamistischen Anschlag gegeben. Trotzdem wuchert die Islamophobie.

Es herrsche doch Multikulturalismus und Egalitarismus in Österreich. So peitschte es mir jüngst auf Twitter entgegen. Meine Frage war eigentlich ganz einfach: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dienen dazu, Rassismus und Islamophobie auf dem Arbeitsmarkt abzuwenden – oder etwa nicht?

Die mediale Eskalation rund um Muslime und dem Islam ist ungebrochen. Da spricht jemand von der „wehrhaften Demokratie“ und davon, dass sich die Demokratie „gegen ihre Feinde“ wappnen müsse. Der sogenannte „Islamische Staat“, eine barbarische und menschenverachtende Bewegung, ist das aktuellste Schreckgespenst.

Anstatt aber über zielführende Lösungen nachzudenken, steht der Populismus an vorderster Front: Eine einheitliche Koranübersetzung müsse her; wir müssen wissen, was in muslimischen Kindergärten, Schulen und Gebetshäusern so alles vor sich gehe. Vorsicht sei auch vor bärtigen Männern in der Wiener U-Bahn geboten.

Ja, alles sehr beunruhigend, keine Frage. Interessant ist nur, dass ich mich an keinen einzigen islamistischen Anschlag in den 69 Jahren Zweite Republik erinnere. Was ich hingegen kenne, sind hunderte Vorfälle, Jahr für Jahr: tägliche Diskriminierung am Arbeitsmarkt und im öffentlichen Leben, gewalttätige Übergriffe, Beleidigungen oder der Pistolenfinger in Richtung einer muslimischen Frau.

 

Einschlagen auf die Schwachen

Warum gibt es hier keinen Populismus? Warum spricht niemand davon, die Demokratie gegen ihre eigentlichen Feinde zu verteidigen? Nein, wir schlagen auf die Schwachen ein.

Wie fühlt sich eine 14-jährige Schülerin, die mit Kopftuch zur Schule geht? Tag für Tag wird ihre Religion verteufelt, der Koran sei gewaltverherrlichend und der Prophet Muhammed sei ein barbarischer Kriegsherr. Muslimische Kronzeugen treten in Diskussionssendungen auf, um mit pseudowissenschaftlichen und neokolonialen Argumentationsmustern die Menschen vom bösen Islam zu überzeugen. Womöglich gelingt ihnen das sogar.

Österreich wurde auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs erbaut. Der Staat begrüßte zehntausende Muslime mit einem roten Teppich. Baut unser Land auf, und wir kümmern uns um euch! Ihr wollt eine Moschee? Kein Problem, wir errichten einen Prachtbau inmitten von Wien. Keine Bürgerinitiativen, aber auch keine langfristige Planung oder Dialogbereitschaft von Seiten der Mehrheitsgesellschaft. Warum auch, eigentlich sind das ja Menschen wie wir.

Medien und Politik tun gut daran, ihre Worte weise zu wählen. Wir sind alle Teil dieses Landes, ob es den selbsternannten Islamexperten, Populisten oder Ewiggestrigen gefällt oder nicht. Wir arbeiten jeden Tag, zahlen Steuern, kaufen dieselbe Milch und spielen mit unseren Kindern im Grünen.

Dieser blinde Hass, der sich in der Mitte der Gesellschaft breitmacht, mündet früher oder später in Gewalt gegen die Minderheit. Und dann schreiben wir in 50 Jahren wieder in unsere Geschichtsbücher, wir hätten das alles nicht kommen sehen.

Karim Saad ist Digital Manager und freier Journalist. Er bloggt unter Kismetonline.at
zu gesellschaftspolitischen Themen in
Österreich und Europa.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)