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Verstehen auch ohne Gehör

Gehörlose Studentin
(c) Die Presse - FABRY Clemens
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Tag der Gehörlosen. Die Hürden für Hörbehinderte in Österreich sind auch im Bildungsbereich unnötig hoch. Lösungsansätze sind vorhanden, widersprechen sich aber teilweise.

Michaela Tengler begleitet als Schriftdolmetscherin hörbehinderte Studierende zu Vorlesungen auf die Uni. Viele von ihnen können trotz Hörgeräts den Unterhaltungen jenseits des Vortrags einfach nicht folgen. „Mit der Live-Mitschrift, die ich während der Vorlesung mitschreibe, soweit sinnvoll Wort für Wort, konnte ein Student die Vorlesung wiederholt nachvollziehen und daraus seinen Nutzen ziehen. Er schloss sein Architekturstudium kürzlich mit dem Bachelor of Science ab“, erzählt sie. Dabei sei das reine Niederschreiben der Lehrveranstaltung nur die halbe Miete: „Wichtig ist auch das Drumherum. Sprüche von anderen, Zwischenrufe – das Mittendrin im Geschehen.“ Auch bei Prüfungen begleitet sie Studierende mit akustischen Handicaps.

 

Mauerblümchen-Dasein

Das Berufsbild des Schriftdolmetschens ist ein neues in Österreich, obwohl der Bedarf laut Tengler ständig steigt. Nach Angaben des Wiener Taubstummen-Fürsorge- Verbands Witaf gibt es in Österreich 450.000 Hörbehinderte. Ein Promille der Bevölkerung gilt als gehörlos. Und während es in Deutschland rund 300 Schriftdolmetscher gibt, die händeringend um Nachwuchs kämpfen, fristet dieser Beruf hierzulande ein Mauerblümchen-Dasein. Lediglich das BFI Wien bietet in Kooperation mit dem Österreichischen Schwerhörigenbund einen mehrmonatigen Diplomlehrgang zum ÖSB-zertifizierten trans.SCRIPT Schriftdolmetschern an. „Ich kann den Beruf durchaus empfehlen: Für jene, die aufmerksam und schnell sind, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, gute Merkfähigkeit mitbringen – und natürlich das Maschineschreiben sehr gut beherrschen – 400 Zeichen pro Minute sind die Grundvoraussetzung, um als Schriftdolmetscher tätig zu sein, so Gudrun Amtmann, die Sprecherin von ÖSB-trans.SCRIPT „Es ist ein Beruf für jene, die etwas für die Gemeinschaft Sinnvolles tun wollen“, so Amtmann. Laut ÖSB gibt es hierzulande nur neun zertifizierte Schriftdolmetscher, wobei manche diesen Beruf nicht hauptberuflich ausüben.

 

Funktionale Analphabeten

Landläufig bekannter als Schriftdolmetscher ist die Gebärdensprache. „Ich nenne es ,Bilder in der Luft malen‘“, sagt Monika Haider, Geschäftsführerin von Equalizent, dem Qualifikationszentrum für Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Schwerhörigkeit und Diversity Management. „In Österreich werden Gehörlose immer noch nicht in ihrer Muttersprache – der Gebärdensprache – unterrichtet. Alles konzentriert sich auf den Erwerb gesprochener Sprache, da bleiben natürlich viele Bildungsinhalte auf der Strecke“, erklärt sie die Tatsache, dass 80 Prozent der Gehörlosen funktionale Analphabeten sind, nur drei Prozent Matura haben und lediglich 0,5 Prozent eine Hochschule besuchen.

Auch wenn Schriftdolmetscher wertvolle Unterstützung leisten können, ist für Haider die visuelle Sprache unumgänglich. „Gebärdensprachen sind vollständige, natürliche Sprachen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können gehörlose Menschen auch jeden beliebigen Beruf ausüben.“ In Skandinavien und den USA ist die Gebärdensprache die drittmeist gesprochene „Fremdsprache“, weiß Haider. Daher gebe es dort in allen Berufsgruppen Menschen mit dieser Ausbildung. „In Österreich hingegen ist diese Sprache erst seit 2005 als Minderheitensprache anerkannt.“

Erlernen kann man die Gebärdensprache etwa bei Eequalizent, wahlweise in einem mehrmonatigen Intensivlehrgang oder im Rahmen normaler Kurse während des Jahres. Gesdo in Linz bietet eine dreijährige Vollzeitausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher an. Auch das Sprachenzentrum der Universität Wien und der Treffpunkt Sprachen der Uni Graz beginnen im Oktober mit Anfängerkursen in Österreichischer Gebärdensprache. Wer an der Alpe-Adria-Universität in Klagenfurt eine Basisausbildung im Ausmaß von mindestens vier Gebärdensprachkursen und theoretischen Lehrveranstaltungen mit mindestens zwei Semesterstunden absolviert, erhält ein „Zertifikat Österreichische Gebärdensprache“.

 

Nationale Varianten

Warum Österreichisch? Da auch Gebärdensprache von der Mentalität und dem Sprachgebrauch eines Landes beeinflusst ist, gibt es nationale Varianten. Zudem ist sie eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik. „Dabei ist sie dem Chinesischen ähnlich, das nicht Buchstaben aneinanderreiht, sondern Bilder“, erklärt Haider. International verständigt sich die Community in American Sign Language (ASL), British Sign Language (BSL) oder der International Sign Language.

INFORMATION

Laut Wiener Taubstummen-Fürsorge- Verband Witaf gibt es in Österreich 450.000 Hörbehinderte. Ein Promille davon gilt als gehörlos. Der Tag der Gehörlosen, begangen am letzten Sonntag im September, soll auf ihre Probleme aufmerksam machen. 80 Prozent der Gehörlosen sind funktionale Analphabeten. www.witaf.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)