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Hühnerzucht und TTIP: Chlor ist nur das kleinste Problem

Huehnerfarm - chicken farm
(c) www.BilderBox.com
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Das „Chlorhuhn“ ist das Wappentier der Gegner des Handelsabkommens. Doch die eigentlichen Probleme liegen bei Antibiotika und anderen Chemikalien.

Washington. Die Meldung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) machte Agrarexperten hellhörig. Die Behandlung von Schlachtfleisch mit Peressigsäure werfe „keine toxikologischen Bedenken“ auf, teilte die Behörde am 26.März mit. Für Amerikas Fleischproduzenten war das erfreulich. Schwarz auf weiß und auf 60 Seiten hatte ihnen die europäische Instanz zur Bewertung von Risken bei der Lebensmittelherstellung attestiert, dass ihre wichtigste Chemikalie zur Desinfizierung von toten Hühnern unbedenklich sei. Sollten die festgefahrenen Verhandlungen über das transatlantische Handelsabkommen TTIP wieder Schwung aufnehmen, wäre somit eine Hürde im Kapitel Landwirtschaft aus dem Weg geräumt.

 

Gefährdete Geflügelarbeiter

Christopher Leonard hingegen ist alarmiert. „In den USA wachsen wegen der Peressigsäure die Bedenken der Verbraucher“, sagte der frühere langjährige Landwirtschaftsjournalist der Associated Press zur „Presse“. Es mehren sich Berichte über schwere Atemwegserkrankungen und Todesfälle von Arbeitern, die an den Förderbändern der Schlachtkonzerne Hühner ausweiden und dabei ständig mit dieser Chemikalie in Kontakt sind. „Es gibt den dringenden Verdacht, dass Peressigsäure Asthma und andere schwere Lungenreizungen hervorruft“, erklärte Leonard. „Wir Verbraucher müssen darauf vertrauen, dass die Firmen diese und andere Chemikalien ordentlich von den Hühnern abwaschen, bevor sie in den Verkauf gehen. Die Wahrheit ist allerdings: Wir wissen nicht, wie Hühnerfleisch in den USA behandelt wird.“

In Europa ist diese Debatte noch nicht angekommen. Hier versinnbildlicht sich die Ablehnung der verstärkten Einfuhr amerikanischer Lebensmittel in die EU am „Chlorhuhn“, das seinen Namen der Desinfektion mit einer Chlorlösung verdankt. Dabei übersehen viele Kritiker der amerikanischen Geflügelproduktion, dass Chlor auch in der EU zur Bekämpfung von krankheitserregenden Keimen auf Nahrungsmitteln eingesetzt wird – nicht bei Geflügel, aber zum Beispiel bei abgepacktem Salat.

Die US-Hersteller der Peressigsäure warnen sogar auf Beipackzetteln davor, dass ihr Produkt zu „akuten Lungenschäden“ führen kann. Das US-Agrarministerium hält dem entgegen, dass die zur Desinfektion eingesetzten Mengen der Säure zu gering seien, um eine ernste Gefahr darzustellen. Ein fadenscheiniges Argument, kritisiert Leonard: „Labortests sind etwas anderes als die echten Bedingungen in Schlachtbetrieben.“ Diese verschärfen sich zusehends. Das Agrarministerium hat vorgeschlagen, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von Förderbändern in den Betrieben von 140 auf 175 Hühner pro Minute zu steigern. Diese Beschleunigung erhöht das Risiko, dass Hygienestandards im Umgang mit dem Fleisch verletzt werden. Dabei haben die USA schon seit Jahren mit dem Problem zu kämpfen, dass Unmengen von Hühnerfleisch im Supermarkt und in Schnellimbisslokalen mit Salmonellen und anderen Keimen verseucht sind. Die Konzerne versuchen, das nun mit Antibiotika in den Griff zu bekommen – und züchten so ungewollt resistente Bakterien. Vor zwei Wochen hat Reuters aufgedeckt, dass Amerikas Hühnerproduzenten 390 Nahrungsergänzungsmittel mit Antibiotika verfüttern. Nur sieben Prozent davon werden vom Agrarministerium auf ihr Potenzial getestet, resistente Bakterien zu schaffen.

 

(c) Die Presse

Das Hendlkartell

Für Leonard, der die Probleme der US-Fleischherstellung in dem Buch „The Meat Racket“ dargestellt hat, liegt das Hauptproblem in der Marktkonzentration. Vier Konzerne – Tyson Foods, Pilgrim's Pride, Perdue Farms und Sanderson – produzieren 55 Prozent allen Hühnerfleischs. „Ich bin nicht nostalgisch. Fleisch muss heutzutage industriell hergestellt werden. Die Regierung muss aber gegen dieses Kartell vorgehen.“ Er selbst kauft Huhn für seine Familie nur von lokalen Biobauern: „Ich verstehe aber, dass viele Menschen nicht das Geld haben, um diese Entscheidung treffen zu können. Da ist eine politische Lösung notwendig.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)