Im Konzern herrscht Bürgerkrieg

Die Goetter weinen
Die Goetter weinen(c) Schauspielhaus Graz
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„Die Götter weinen“ von Dennis Kelly: Die Inszenierung von Anna Badora zeigt starke Passagen, ist aber vom langatmigen Text überfordert.

Teilen ist das Motto des Festivals „Steirischer Herbst“, das am Freitag eröffnet wurde. Das Schauspielhaus Graz hat zu diesem Thema bereits am Vortag assistiert. Intendantin Anna Badora inszenierte die österreichische Erstaufführung von „Die Götter weinen“. Der Brite Dennis Kelly variiert in diesem Dreiakter ausführlich Shakespeares Tragödie vom „König Lear“, das perverse Paradebeispiel für einen Teilungsversuch, der total schiefgeht. Lear gibt die Krone an ehrgeizige Töchter weiter. Sein Wahnsinn stürzt das Reich ins Verderben. Die Inszenierung scheint aber von diesem allzu langen, neuen Text mit seinen bizarren, redundanten Phrasen überfordert zu sein. Darüber helfen in fast drei Stunden auch einzelne starke Passagen nicht hinweg.

Bei Kelly wird Shakespeare in die Gegenwart versetzt. Lear heißt bei ihm Colm und leitet einen internationalen Konzern, den er in 30 Jahren kompromisslos aufgebaut hat. Er wird von Udo Samel berührend gegeben. Das ist besonders reizvoll, weil der Burgschauspieler 2009 in Graz tatsächlich Shakespeares Lear war. Auch als Colm kommt er gleich zur Sache, er redet nicht nur wie ein nüchterner Manager des 21.Jahrhunderts, sondern lässt auffällig das Pathos eines alten Königs mitschwingen – passend, weil Kelly mit dieser Überlagerung im Text spielt.

Aufwendiger Leerlauf

Die Konzernspitze ist um den Konferenztisch versammelt. Man akklamiert dem eintretenden Boss. Der überrascht die Runde mit seiner Machtübergabe. Im Hintergrund zeigt ein riesiger Screen die Weltkarte. Sie verändert sich. Neue Einfärbungen. Stützpunkte der Firma und die Länder dazu werden gerecht zwischen den Vorständen Catherine (Verena Lercher) und Richard (Marco Albrecht) verteilt. Vergeblich warnt Colms rechte Hand Castile (Christian Dolezal) vor den Konsequenzen. Wer jetzt dagegenspricht, hat schon verloren. Colms Sohn Jimmy wird als Erster degradiert. Samouil Stoyanov spielt ihn als Versager mit Hang zum Psychopathischen. Der Vater übernimmt sein Projekt in Belize, das offenbar ein Paradebeispiel für Ausbeutung in der Dritten Welt ist. Dort will der bald entmachtete Patriarch, der in seiner Karriere über Leichen ging, humanitär wirken.

Daraus wird natürlich nichts, denn dieser erste Akt, der beste des Stücks, zeigt: Wirtschaft ist Krieg. Für die Schwachen heißt es: Cut! In Firmen herrscht Bürgerkrieg. Lercher und Albrecht liefern sich Schaukämpfe der Intriganz und sind dabei etwas übertrieben, denn es ist anzunehmen, dass solche Diskurse in kalter Höflichkeit geführt werden. Am ehesten entspricht Dolezal diesem zeitgeistigen Bild von Führungskraft. Badora verziert diese Arbeitswelt mit seltsamen Tänzen und Ringkämpfen. Schon endet nach mehr als einer Stunde Aufführung diese Welt im Büro mit einem Belize-Desaster, das Jimmy durch einen Verrat an seiner Geliebten Beth (Birgit Stöger) eingeleitet hat und das die neuen Bosse verschärfen. Das Schauerliche im Finale des ersten Aktes: Jimmy bricht dem verwirrten Vater den Arm. Immerhin hat Colm ihm am Anfang gesagt, ein echter Manager müsse zu solchen Untaten bereit sein.

Es ist Krieg. Hinaus aufs Feld im zweiten Akt! Bei Kellys Text hat man den Eindruck, er führt zurück in Schlachten der Renaissance. Ein reizvoller, simpler Gedanke, aber trägt er einen langen Abend? Badora macht zu viel daraus, Catherine und Richard werden bei ihr zu modernen militärischen Kommandanten. Bombeneinsätze werden per Funk und vom Computer aus gesteuert. Der Screen wird eine Zielvorrichtung, man sieht darauf Leuchtspurmunition und Explosionen, Bilder wie aus dem Irak. Morden setzt ein, Heere an Statisten toben in Kampfanzügen über die Bühne. Das wird rasch fad. Die Zerstörung zeigt sich vor allem in der Unordnung Dutzender Bürosessel. Zwischen ihnen irrt nun auch Colm umher, so wie Beth, die zur irren Tötungsmaschine geworden ist.

Für Colm beginnt eine seltsame Läuterung. Eine junge Frau kümmert sich um seine gebrochene Hand. Es ist die Tochter eines Konkurrenten, den er in den Selbstmord getrieben hat. Katharina Klar spielt diese Barbara mit Ernst, fürsorglich, zart, aber auch aggressiv, als sie erfährt, wen sie da in dieser zerstörten Welt versorgt. Klar und Samel werten diesen umständlichen dritten Akt immens auf. Sie verhindern, dass diese Tragödie einfach versickert. Zwei hervorragende Darsteller retten das Finale. Davor gab es leider zu viel aufwendigen Leerlauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)

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