Steuerfreiheit, Subventionen, astronomisch teure TV-Verträge: An der Wirtschaftsmacht der National Football League rütteln auch die jüngsten Skandale nicht. Denn Amerikas Fernsehindustrie hat ihr Überleben an diesen rauen Sport geknüpft.
Jetzt hat es auch Bill Simmons erwischt. Der scharfzüngige Kommentator und größte Star des Sportkanals ESPN ist für drei Wochen vom Dienst suspendiert. Simmons hatte in seiner Talkshow Roger Goodell, den Vorstandschef der National Football League (NFL), scharf kritisiert. Goodell habe gelogen, als er behauptete, er habe jenes Video nicht gesehen, in dem der Footballspieler Ray Rice seine damalige Verlobte in einem Hotelaufzug bewusstlos schlug.
Verständlich, dass ESPN bei allzu scharfer Kritik an Goodell und der NFL so sensibel reagiert. Denn der Sender unterhält mit der Liga eine teure Beziehung. 15,2 Milliarden Dollar (11,9 Milliarden Euro) bezahlt ESPN dafür, bis zum Jahr 2021 jährlich 17 Spiele des Grunddurchganges sowie ein Playoffmatch nach Wahl ausstrahlen zu dürfen. Dabei hat ESPN kein Exklusivrecht. Die drei großen Kabelkonzerne Fox, CBS und NBC überweisen der Liga von heuer bis zum Jahr 2022 gemeinsam jährlich rund 3,1 Milliarden Dollar für Übertragungsrechte.
Um diese Zahlen als Europäer besser verstehen zu können: Der Fußballverband Uefa verdient mit Champions League und Europa League jährlich zwei Milliarden Dollar – und das schließt alle Sponsorengelder ein. Der Jahresumsatz der NFL ist fünfmal so hoch. Und er soll weiter steigen: bis auf 25 Milliarden Dollar im Jahr 2027, gab Goodell vor vier Jahren als Ziel vor.
Wieso wirft Amerikas Fernsehbranche so mit dem Geld um sich? Die Antwort ist einfach: weil sie keine Wahl hat. Der Siegeszug von Abonnementkanälen wie HBO und Showtime sowie Internetvideotheken wie Netflix und Hulu lässt bei den Fernsehnetzwerken das Todesglöckchen läuten. Die Zuseherquoten sinken, und was noch schwerer wiegt: Dank moderner Technologie überspringen immer mehr Zuschauer die Werbesendungen.
Die einzige Chance, genügend Augen auf die Werbespots zu richten, sind Liveveranstaltungen, die aufzunehmen ihren Reiz zerstört. Football ist der Nationalsport in den USA; im vergangenen Jahr schauten sich 205 Millionen Amerikaner zumindest ein NFL-Spiel an: Das sind zwei von drei Einwohnern. Darum kann Goodell den Fernsehkonzernen jeden Preis diktieren, der ihm einfällt.
Emotional erpresste Steuerzahler. Und darum können sich die 32 Teambesitzer mit ihren Anhängern erlauben, was sie wollen. Die billigsten Tickets für das Spiel der seit Jahren erfolglosen Washington Redskins gegen die New York Giants am vergangenen Donnerstag zum Beispiel kosteten 150 Dollar. Und das waren weiterverkaufte Dauerkarten; die Wartezeit für so ein Abonnement beträgt derzeit 25 Jahre.
Stadien, für die sie zumeist nur einen geringfügigen Betrag selber zahlen mussten. Denn Amerikas Städte reißen sich darum, ein NFL-Team beheimaten zu dürfen. Judith Grant von der Harvard University hat errechnet, dass die Steuerzahler im Durchschnitt 70 Prozent der Kosten neuer NFL-Stadien berappen. Der Journalist und Schriftsteller Steve Almond veranschaulichte das Problem in seiner neulich erschienenen Streitschrift „Against Football: One Fan's Reluctant Manifesto“ (Melville House, New York) am Beispiel von Minnesota. Trotz eines Budgetdefizits von 1,1 Milliarden Dollar genehmigte der Bundesstaat im vorigen Jahr eine Subvention von 506 Millionen Dollar, um den Vikings eine neue Arena zu bauen. Vikings-Eigentümer Zygmunt Wilf, ein Einkaufszentrumskrösus, hatte damit gedroht, sein Team abzuziehen, wenn ihm Minnesota nicht finanziell beisteht.
Diese Verquickung zwischen Medien, lokalen Politikern und Vereinsbesitzern erklärt auch, wieso die NFL als einzige Sportliga Amerikas keine Steuern zahlt. 1966 gelang es ihren Lobbyisten, eine steuergesetzliche Ausnahmebestimmung für professionelle Footballligen zu erwirken.
Die fast täglich neuen Berichte über Spieler, die ihre Frauen und Kinder prügeln; das Eingeständnis der NFL, dass jeder dritte aktive Spieler aufgrund der vielen Schläge auf den Kopf an Alzheimer, Demenz oder sonstigen neurodegenerativen Erkrankungen sterben wird; die Kosten für neue Stadien: All das wird die Sucht der Amerikaner nach dem Spiel mit dem ovalen Leder nicht mindern. Ein paar Sponsoren waren zwar über den nonchalanten Umgang der Liga und der betroffenen Klubs mit ihren gewalttätigen Stars nicht erfreut. Bis auf wenige Ausnahmen bleiben sie aber der Liga allesamt treu. Warum, das erklärt der lebenslang treu ergebene Fan Steve Almond in seinem Buch so: „Vielleicht ist Football zum einzigen spirituellen Bindemittel geworden, das stark genug ist, die Amerikaner zu vereinen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2014)