Nostalgischer Blick auf künftige Partys

(c) Steirischer Herbst
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Der »Steirische Herbst« eröffnete am Freitag mit einem Gesamtkunstwerk der belgischen Needcompany, das scharfe Beobachtungsgabe fordert.

Mit einem kunstvoll inszenierten Fest wurde am Freitag in Graz der „Steirische Herbst“ eröffnet, der diesmal das Motto „We prefer not to ... share“ trägt. Nachdem Intendantin Veronica Kaup-Hasler in der Helmut-List-Halle ausführlich das Programm vielfältiger Gegenwartskunst vorgestellt und verdeutlicht hatte, dass soziale Verantwortung doch erstrebenswert sei, wurde das Publikum in den Aufführungsraum geleitet, wo die 1986 in Brüssel gegründete, international besetzte Needcompany spielte, tanzte, sang, performte.

Das tat sie zweieinhalb Stunden auf einem den Saal dominierenden Podest. Die Zuseher wurden ermuntert, sich rund um diese Plattform frei zu bewegen, denn der Abend, den die Spielleiter Grace Ellen Barkey und Jan Lauwers „All Tomorrow's Parties I + II“ nannten, sollte alles sein: Aufführung, Reflexion der Kunst, Einbeziehen des Publikums und sogar ein Happening, ein unwiederholbares Ereignis.

Recht martialisch marschieren die rund 20 Künstler in die Halle, singen ein Lied, das Marines in Actionfilmen beim Trainieren fröhlich trällern. Hier wird, das Leitmotiv des Herbstes aufnehmend, friedlich übers Teilen gesungen. Und es heißt auch: „If Art is My Lover, Then Who The F*** Are You?“ Auf riesigen Leinwänden an den Längsseiten kann man lesen: We prefer to . . . share.“

Wir sind die Guten. Bald ist die fantasievoll wie Paradiesvögel kostümierte Schar mittendrin in ausgeklügelten Tänzen, ergänzt durch eingespielte Videos auf den Leinwänden. Die Röcke bauschen sich, es neigen sich Kronen und Zepter, vereinzelt gibt es auch aufgeschnallte Phalli und lange Nasen. Barkey, diese exzellente Tänzerin und Choreografin, tritt diesmal nicht auf, Lauwers in nachtblauem Anzug hält sich zur Koordination im Hintergrund.


Der Fehler des Peter Brook. Ein Entertainer, in Glitzer wie einst Elvis Presley, trägt fragmentarisch eine Art Kunstmanifest vor. Da legt sich die Needcompany sogar mit einem großen Theatermann an. Ob das Publikum Peter Brooks Buch „Der leere Raum“ kenne? Es solle die Augen schließen. Na? Völlig falsch! Es gebe keinen leeren Raum. Brook habe einen Fehler gemacht, aber Fehler seien auch notwendig. „Kunst ist der Raum zwischen zwei Fehlern.“ Lachen im Saal, das andauert, als kreischende Tänzerinnen mit klingelndem Porzellangeschirr über die Bühne huschen. Die Kunst brauche den Blick, um zu existieren. So einfach kann eine Artistenparty sein.

Immer neue Gruppen bilden sich, zum verwickelten Schubsen, Küssen, Streiten. Sie bauen Verschläge aus Kunststoffmatten, die eine weiche Abrissbirne zerstört, verwandeln sich in Spaßmacher mit Gumminasen, deklamieren, drehen sich. Es ist ein Auf- und Abgehen, An- und Ausziehen, mit dramatisch zur Schau gestellter Zärtlichkeit und Brutalität wie im Stummfilm. Figuren aus einem fernöstlichen Schattenspiel werden herumgetragen – Multikultur aus allen Weltgegenden. Ein netter Clown tritt auf und findet alles gut, er hebt den Daumen stets zum „Like“, ob es nun um Essen, Füße oder Fremde geht. Auch das Gute ist gut.


Der Titel täuscht. Ein netter Diskurs? Der Titel täuscht. „All Tomorrow's Parties“ weist nicht in die Zukunft, sondern ins vergangene Jahrhundert. So heißt ein Song auf dem Debütalbum von „The Velvet Underground & Nico“ 1967. Lou Reed feierte damit Andy Warhol und dessen Factory. Es sei eine passende Beschreibung einiger Leute in der Fabrik zu dieser Zeit, meinte Reed: „Ich beobachtete Andy. Ich beobachtete Andy, wie er alle beobachtete.“ Die Leute hätten da die erstaunlichsten Sachen gesagt.

Warhol, der jedem von uns 15 Minuten – flüchtigen – Ruhm gönnte, mochte den Song; ein Festival, ein Film, ein Roman wurden nach diesem Titel benannt. Nun hat ihn die Needcompany, die schon weit länger berühmt ist, ausgeborgt, um über sich selbst im Kontext des Steirischen Herbstes tapfer nachzudenken. Ein Blick zurück? Happening wurde es keines. Kein einziger Zuschauer sprang auf die Bühne oder deklamierte auch nur. Man wandelte herum und ließ die Fragen offen.

Nach kurzer Pause folgte eine wunderbare Musikperformance, eine Uraufführung: Ausdauernd beginnt sie mit elektronisch Psychedelischem, das sich schließlich mit Harmonischem aus den Sixties mischt. Eine junge Frau präsentiert sich nackt, langhaarige Trolle schwanken herum, schließlich tanzt und singt die ganze Gruppe. Das Medley endet mit Reeds Hymne auf künftige Parties. Spätestens jetzt wäre für die Gäste Gelegenheit gewesen, mitsingend nostalgisch in die Zukunft zu blicken. Da ist aber in und vor der Halle das gewöhnliche Fest längst im Gang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2014)

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