Mit 39 Jahren ist Oksana Chusovitina doppelt so alt wie die meisten ihrer Konkurrentinnen. Unter vier Flaggen hat sie schon Medaillen gewonnen, in Nanning bestreitet sie für Usbekistan ihre bereits 14. WM.
Als Oksana Chusovitina bei den Weltmeisterschaften 1991 in Indianapolis erstmals Gold gewann, wurde für die damals 15-Jährige und ihre Teamkolleginnen bei der Siegerehrung noch die sowjetische Hymne gespielt. 23 Jahre später ist der Staatenbund längst Geschichte, Chusovitina aber misst sich bei der am Freitag beginnenden WM in Nanning, China, noch immer mit den Weltbesten. Insgesamt elf WM-, zwei Olympia- und drei EM-Medaillen hat eine der Großen des Turnens im Lauf ihrer Karriere gesammelt, für die Sowjetunion, GUS, Deutschland und Usbekistan – ihr Geburtsland, für das sie seit dem Vorjahr wieder startet.
Mit ihren 39 Jahren zeigt die „Turn-Oma“ immer noch regelmäßig Höchstleistungen – völlig atypisch für eine Sportart, die im Allgemeinen dem Jugendwahn frönt. Schließlich könnte Chusovitina die Mutter ihrer meisten Konkurrentinnen sein, die zum Zeitpunkt ihrer ersten großen Erfolge noch gar nicht geboren waren. Im Gegensatz zu vielen anderen aber hat die Sprung-Spezialistin ihre Klasse bis ins hohe Alter konserviert. Der fünfte Platz bei der WM im Vorjahr ist ebenso Beleg dafür wie Silber bei den Asien-Spielen vergangene Woche.
Erfahrung als Vorteil. Zwischen all den jugendlichen Gesichtern sticht Chusovitina heraus. Bei ihr finden sich weder Make-up noch Glitzer, sondern vielmehr zarte Falten. „Bin ich alt? Ich fühle mich jedenfalls nicht so“, wird die 39-Jährige auf Pressekonferenzen nicht müde zu betonen. „Ich habe immer noch Energie und kann noch etwas zurückgeben.“ Das tägliche Training empfindet sie auch nach all den Jahren nicht als Pflicht, sondern als pure Freude. Rund 15 Stunden pro Woche umfasst ihr Pensum, ginge es nach Chusovitinas Herz, wären es freilich mehr. Fast 90 Prozent davon werden der Verletzungsvorbeugung in Form von Physiotherapie und Stretching gewidmet. Ihr Alter ist aber längst nicht nur Bürde, sondern auch ihr größter Vorteil. Alle Sprünge, selbst den Tsukahara mit Doppelschraube, den insgesamt nur eine Handvoll Turnerinnen auf der Welt im Programm haben, hat sie schon tausendmal absolviert und beherrscht Abläufe und Muster im Schlaf. Im Gegensatz zu ihren jungen Konkurrentinnen trainiert Chusovitina längst nicht mehr, um zu lernen, sondern um ihr Niveau zu halten.
1975 wurde die Ausnahmesportlerin in Buchara als Tochter eines Bauern und einer Köchin geboren, allesamt in der Familie waren nicht groß gewachsen. „Die Kleinen sind für die Liebe da, die Großen für die Arbeit“, pflegte die Mutter ihre Kinder zu trösten. Als Oksana sieben war, begleitete sie ihren Bruder zum Turntraining. Er hörte nach drei Wochen auf, sie blieb dabei. Mit zwölf Jahren übersiedelte sie in ein Sportinternat nach Moskau. „Manchmal hatte ich das Gefühl zu sterben“, beschrieb sie die knallharten Drilleinheiten fern der Familie und Heimat. 1988 wurde sie erstmals sowjetische Meisterin, vier Jahre später holt sie mit dem GUS-Team Olympia-Gold in Barcelona. In der Folge bescherte Chusovitina dem usbekischen Verband zahlreiche Glanzstunden. Ihre Landsleute lagen ihr zu Füßen, ihr zu Ehren wurde sogar eine eigene Briefmarke gedruckt.
Streit mit dem Verband. Nur der usbekische Verband wusste seine Nationalheldin nicht zu schätzen. Immer wieder wurde über Prämienauszahlungen gestritten, 2002 kam es zum Eklat. Damals wurde bei Chusovitinas dreijährigem Sohn Alisher Leukämie diagnostiziert. Der Familie fehlte es an Geld, in den usbekischen Spitälern mangelte es an allem. „Es gab weder Medikamente noch Spritzen und der Tropf wurde auf einem Wischmopp aufgehängt“, erinnert sie sich. Mit ihrem verzweifelten Hilfegesuch stieß sie jedoch sowohl in Taschkent als auch in Moskau auf taube Ohren. Erst ein Angebot des Kölner Turnvereins, bei dem sie damals zeitweise trainierte, ließ Chusovitina wieder Hoffnung schöpfen. Die Familie übersiedelte nach Deutschland, mit Preisgeldern und Spenden wurde die Behandlung ihres Sohnes finanziert. Der usbekische Verband zeigte kein Verständnis und beschimpfte sein Aushängeschild als Verräterin. Ein Funktionär warf ihr sogar vor, die Krankheit ihres Sohnes nur vorzutäuschen.
Alisher wurde wieder gesund und aus Respekt und Anerkennung für die Unterstützung nahm Chusovitina 2006 die deutsche Staatsbürgerschaft an, um sich bei ihrer Wahlheimat auf die ihr naheliegendste Weise zu bedanken. Sie führte das deutsche Team 2008 ins Olympia-Finale und gewann im Einzel Sprung-Silber. Es war der erste deutsche Podestplatz seit 1988 und Chusovitina avancierte mit 33 Jahren zur ältesten Medaillengewinnerinnen in der Geschichte des Turnsports. „Sie ist ein Wunder“, meinte die damalige Cheftrainerin Ulla Koch.
Rio fest im Blick. Nach dem fünften Platz bei den Olympischen Spielen 2012, ihren insgesamt sechsten, fühlte sich Chusovitina ganz und gar wider ihr Naturell leer und erschöpft und einigte sich mit dem deutschen Verband auf ein Ausscheiden aus dem Kader. Im Gegensatz zur Fachwelt habe sie das aber nie als Rücktritt verstanden. „Ich brauchte nur einmal etwas Abstand.“ Zwei Monate später kehrte sie in die Halle zurück. „Es klingt so einfach, aber ich liebe das Turnen eben“, erklärte sie. Den langwierigen Qualifikationsprozess für Großereignisse aber wollte sie sich nicht mehr antun und folgte daher dem Ruf aus Usbekistan. Dort war es inzwischen im Verband zu einer Wachablöse gekommen und der neue Vorstand suchte die Aussöhnung mit dem verlorenen Star.
In Nanning bestreitet Chusovitina nun ihre bereits 14. WM. Ein Karriereende ist nicht in Sicht, trotz der vielen Reisen und der langen Trennungen von Ehemann und Sohn, die in Taschkent leben. „Es gibt doch Skype und Telefon“, sagt sie. Vielmehr ist ihr Blick schon auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio gerichtet. Dort möchte sie starten – mit 41. „Kein Witz!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2014)