Wo Blut und Kernöl fließen

(c) FABRY Clemens
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Klaudia Blasls originelles Kriminalroman-Debüt »Miederhosenmord« speist sich aus viel Sprachwitz,Drastik und Provinzposse. Und südsteirischer Küche.

An einer seiner dichtesten Stellen steigt der Leser in Klaudia Blasls Kriminalroman ein: Eine Leiche liegt im Salatbeet, es ist der Hendlkönig des Damischtales, dem keiner eine Träne nachweint und daher viele als Täter in Frage kommen. Aufruhr folgt, die Auffinderin des Mordopfers, die alte Gemeindejungfer, hebt zum Zetern an, vor allem darüber, dass der Tote eine ihrer Miederhosen umklammert. Was wird die Dorfgemeinschaft wohl denken – die auch gleich schnell zur Stelle ist: der faule Polizist, die lokale Schönheit, die Bauern und die, die sich für etwas Besseres als die Damischtaler Pleampel halten.

Auflösen wird diesen „Miederhosenmord“ aber der Bub einer deutschen Urlauberfamilie, die aus ähnlichem Holz geschnitzt ist wie die Sattmanns in Felix Mitterers „Piefkesaga“. Sie lassen sich von den Ritualen und Ereignissen in den rivalisierenden Gemeinden Plutzenberg und Gfrettgstätten nicht abhalten, tiefer ins Gemein(un)wesen einzutauchen: Da gibt es Kernölfeste, Osterweihen, Pilgerwegserstbegehungen – alles Gelegenheiten für die in Graz lebende Autorin, die Dinge noch weiter aus dem Ruder laufen zu lassen. Zumal sie dem Kriminalfall im „Miederhosenmord“ weniger Gewicht gibt als Geschehen, Szenerie und fiktiver Geografie. Deftig sind die Episoden einer Jagdpanne oder des Versuchs eines Schweinebauern, die wahre Herkunft seiner Mangalicas zu verschleiern. Ganz abgesehen von der Kürbislobby, deren Öl das Getriebe des Fremdenverkehrs schmiert. Die Personen, echte Karikaturen, werden von Blasl gut sortiert und in Nebengeschichten verwoben. Es bräuchte nicht einmal einen Mord, um darin ein provinzielles Treib- und Tollhaus einzurichten, aber es ist ein guter Trigger.


Verbalopulenz.Das alles kommt mit einer Wucht und Wendigkeit daher, so tut man gut daran, anfangs die Besetzungsliste der Bewohner des Damischtals zu memorieren, um den Überblick in dieser mit bösem Sprachwitz und schrägen Pointen erzählten Geschichte zu behalten. Stellenweise liest sich „Miederhosenmord“ fast wie ein Drehbuch zu einer durchgeknallten Provinzsatire, was durchaus intendiert ist, obwohl die Autorin mit Dialogen bei aller Verbalopulenz sparsam umgeht. Dafür sitzen die Wortwechsel umso sicherer: Wenn einer dieser Damischtaler den Mund aufmacht, perlt Sagenhaftes in Umgangs-Steirisch heraus. Und sie selbst legt Voluten und Wortschöpfungen wie Aushilfsgretl oder Gerüchterstattung nach. Dabei wechselt der Tonfall zwischen dem Schrift- und dem Umgangsprachlichen so heftig, dass ein ähnlich paradoxer Effekt entsteht wie in Reinhard P. Grubers Kultbuch „Aus dem Leben des Hödlmoser“. Der drastische Witz bildet die Spur drüber, darunter wird plastisch erzählt, sodass es in manchen Passagen fast nach Schwein riecht und nach Kernöl schmeckt, wenngleich Blasl auch andere Speerspitzen der regionalen Küche – Kübelfleisch, Ritschert – einbaut und Rezepte im Anhang nachliefert. Verflüssigt wird das Ganze noch mit dem Weihwasser aus dem frommen Teil der Steiermark, die in Gestalt einer Pilgerabordnung in dieses Krisengebiet aufbricht. Natürlich ist das keine Tourismuskritik, so doch eine unbekümmerte, wilde Persiflage auf die vermarktbaren Versatzstücke. Zugleich eine Variation über die Klischees, derer sich Krimikomödien und Provinzsatiren vom Zillertal bis nach Braunschlag bedienen. Die Abgründe des Landlebens speisen bereits Berge an Regionalkriminalliteratur, doch dieses Debüt von Klaudia Blasl ragt ganz deutlich heraus: Ein unterhaltsames Werk mit hoher sprachlicher Originalität und Hang zur Drastik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2014)

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